29.07.2011 -250-

„Hallo? Ist jemand da?“ Mein Gott, er war total erschöpft. Erwartete er wirklich ein „Nein“ auf diese Frage? Und lohnten sich Fragen, auf die nur eine Antwort möglich war? Nicht sein Tag. Die elend lange Zugfahrt, er pendelte zwischen dem ersten und dem letzten Wagen hin und her, nichts als Studentinnen, Businessfressen und Omis, die ihre Enkel besuchen fuhren, er suchte sich die aus, die Bücher lasen, identifizierte unauffällig die Titel, fast alles billiger Mist. Nur eine kleine Rothaarige hatte seinen Krimi „Panik in Würselen“ vor den bebrillten Augen, aber es dauerte ewig, bis sie umblätterte. Dabei war das doch ein Pageturner! Dann sah er auch noch den Bibliotheksstempel und das verdarb ihm die Stimmung vollends. Ausgeliehen! Da lasen 100 oder mehr Leute SEIN Buch und was fiel für ihn dabei ab? 1 Euro 12. Er war mürrisch zurückgetrabt, hatte sich auf seinen Platz gesetzt, aus dem Fenster geguckt.

Marxer stellte seine Reisetasche in der Diele ab. Schien niemand da zu sein, weder Oxana noch Sonja. Etwas ging vor sich, der Fall nahm dramatische Züge an, Marxer ahnte das, sein Kriminalschriftsteller-Gen sagte es ihm. Aber war wohl halb so dramatisch wie er es sich auf der Fahrt vorgestellt hatte. Er brauchte Stoff, der SPIEGEL würde einen Fortsetzungskrimi zur Finanzkrise von ihm drucken, der Deal stand wie eine Eins. Nur der Stoff fehlte. „Machen Sie jede Menge Cliffhanger rein“. Dieser Arsch von Nachwuchsschmierfink. „Redakteur!“ Wenn er das Wort schon hörte! War das Synonym für Faulenzer und Möchtgern-was-weiß-ich. Diesen Idioten musste man alles mit dem Holzhammer servieren. Wahrscheinlich stellte der sich unter einem Cliffhanger vor, alle Helden eines Krimis befänden sich in Lebensgefahr, würden festgehalten, bedroht, stünden kurz vor der Exekution. Typisch Massenmedien. Aber sie zahlten ganz ordentlich und werbemäßig konnte so ein Geschäft niemals verachtet werden. Also Augen zu und durch.

Er kochte sich Kaffee und ein hartes Ei, das Brot war noch härter, das stimmte ihn verdrießlich. Schönes Wort. Verdrießlich. Sofort aufschreiben und irgendwie unterbringen. Aber gar keine schlechte Idee, Kleins Geschichte auszuschlachten, ein wenig aufzuhübschen. Mal so richtig was krachen lassen, echte Trivialscheiße raushauen! Er lachte schallend (auch geiles Wort. Schallend. Aufschreiben.) und ging ins Arbeitszimmer. Nein, vorher in Oxanas Gemächer (Gemächer!). Auf dem Nachttisch lag ihr Notizbuch mit den Telefonnummern, alle da, Klein und Konsorten. Er musste über die jüngsten Entwicklungen informiert werden, sofort, es drängte ihn zum schöpferischen Akt. Einfach mal alle durchtelefonieren. Zuerst Klein: meldete sich nicht. Dann Oxanas Handy: hm, war tot, nicht einmal die Mailbox. Sonjas Handy: dito. Die Alte, Irmi: nichts. Borsig, Hermine: auch nichts. Vika? Kannte er nicht, nahm ebenfalls nicht ab.In dieser Kneipe: Er hätte es vorhersagen können, auch hier keine Sau. Er lachte wieder! Alle in Lebensgefahr, was? Der multiple Cliffhanger!

Okay, dann eben nicht. War halt Phantasie gefragt. Jeder Idiot konnte einen Krimi mit einem Cliffhanger beenden, ER, Marxer, jedoch würde den seinen mit einem beginnen! Und was für einem! Sämtliche Sympathieträger seines Fortsetzungskrimis wären von der ersten Zeile an in akuter Lebensgefahr, da gruselt sich die Leserin gar fürchterlich und kann den SPIEGEL nicht mehr aus der Hand legen, das Essen für den Herrn Gemahl brennt an, der Ehekrach ist unausweichlich, die feurige Versöhnung auch – und neun Monate später gibt es in Deutschland einen Babyboom. Er grinste das Worddokument an, das grinste zurück. Grins du nur, dachte Marxer. Meinst wohl, ich schreib hier nen ordinären Brief oder was. Nee, hier gibt’s gleich Kriminalliteratur vom Feinsten, richtig Kolportage, astreiner Schund, damit wischen sich die Herren und Damen Kritikaster nicht einmal die Allerwertesten ab. Also – wie anfangen? Marxer überlegte kurz. Vielleicht so? „Moritz Klein“ (unbedingt nen vernünftigen Namen überlegen) „hockte im Keller und war verzweifelt. Gab es keine Rettung? Er sah Borsig an, der neben ihm hockte und ebenfalls verzweifelt war. Katharina heulte. Sie hatte keine Ahnung, wie das hier enden würde.“

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