28.07.2011-249-

Dass mich meine beiden Begleiter zurück in die Villa des Konsuls brachten, überraschte mich nicht. Dort in einem halbdunklen engen Kellerraum zu landen, dessen Tür schwer hinter mir ins Schloss fiel, gehörte auch zum Spektrum dessen, womit zu rechnen gewesen war. In jenem Loch nicht alleine zu sein, sondern von Borsigs „Tja, dumm gelaufen“ und Katharinas „Jetzt sitzen wir schön in der Scheiße“ begrüßt zu werden, war aber doch mehr als das, was ein kleiner Privatschnüffler verkraften kann.

Ich setzte mich auf den Boden zu meinen beiden Leidensgenossen – auf Mobiliar war in dem Raum generös verzichtet worden -, wir schwiegen und wälzten düstere Gedanken. Immerhin, tröstete ich mich, befanden sich Oxana und ihre Mädels in Freiheit, Hermine und die Zwillinge ebenso und Irmi hatte diesen Konrad sexuell am Wickel. Ein wenig Hoffnung, wir konnten sie gebrauchen.

Er hatte sich natürlich verspätet, nicht viel, aber Krause hasste Unpünktlichkeit. Und wie er guckte, als er die Bescherung sah! „Oh Mann, Alter, was geht denn hier ab?“ Prolet, dachte Krause. Aber er musste nehmen, was er kriegen konnte, und der hier war ihm quasi zugelaufen. Ein fetter, ungehobelter Mensch, Proletarier. „Gestatten, Regitz, die Damen.“ Oxana seufzte. Der auch noch. Aber sie wollte die Hoffnung nicht aufgeben. Moritz wusste, wo sie waren, er würde sie finden und befreien. Traute sie ihm das wirklich zu? Sie entschloss sich, es zu tun.

Schweinestall. Das hier musste ein Schweinestall gewesen sein, noch gar nicht so lange her, dass sich hier Mutter Schwein und Vater Schwein und die ganze quiekende Kinderschar übermütig in der Scheiße gewälzt hatten. Obwohl Schweine ja saubere Tiere sein sollen. Aber warum stank es dann hier so? Irmi kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, denn aus einer dunklen Ecke des Kobens kam ein ironisches Doppel-„Hallo“ aus Zwillingsmündern. Das auch noch. Sie hatte die Mädels in Gefahr gebracht. Der Konrad meckerte: „Na, das nenn ich jetzt mal ne Mutter-Kind-Zusammenführung“, der Rainer meckerte auch: „Können sich die Ladies mal aussprechen. Wir halten denn mal Kriegsrat und überlegen uns, wie das mit euch weitergehen soll.“ Dass es hier stank, war schlimm. Dass es noch schlimmer kommen würde, verdrängte man besser. Diese Oxana würde sich was einfallen lassen oder Moritz oder wer auch immer. Man musste nur abwarten und die Geduld nicht verlieren. Wird schon alles wieder gut.

Naja, das mit der Vergewaltigung war wenigstens vom Tisch sozusagen. Aber tot sein dürfte schlimmer sein. Die Gebhardt und ihr Honig hatten Hermine an einen Stuhl gefesselt, sie wussten noch nicht, was sie mit ihr machen sollten. Zeitgewinn. Jede Sekunde konnte wichtig sein, obwohl – wer von den Freunden wusste schon von dieser Hütte? Keiner. Vielleicht war Hermine auserkoren, das Opfer zu sein, der Tribut, den Helden zu zahlen hatten, wenn sie dabei waren, die Welt zu retten. Man würde ihr kein Denkmal setzen, das konnte man sich abschminken. Moritz war Ehrenmann genug, sich um Jonas zu kümmern, obwohl der alles Mögliche brauchte, aber keinen Vatersatz. Okay, noch stand nicht fest, dass man sie wirklich umbringen würde. Vielleicht konnte man einen Deal aushandeln. Die handeln doch ständig irgendwelche Deals aus, siehe Griechenlandkrise, siehe Eurodesaster, siehe Waffenlieferungen an Saudi-Arabien. Irgendetwas Faules, dafür reichts doch meistens. Hermine wollte partout nicht einfallen, welchen Deal sie mit ihren Entführern machen konnte. Fatalistisch sein. Abwarten. Hoffen.

Hoffen? „Die bringen uns um“, sagte Borsig düster und ich war geneigt zu nicken. Katharina würde davon verschont bleiben, der Konsul würde nicht seine eigene Tochter… aber so sicher konnte man auch hier nicht sein. Früher gab es für solche Fälle den deus ex machina, griechische Tragödie und so, nein, jetzt nicht die aktuelle griechische Tragödie, die Theaterschinken halt. Fatalistisch sein, Moritz. Abwarten. Hoffen.

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