27.07.2011 -248-

„Sorry“, hatte Honig gesagt und seine Hand, die zwischen Hermines Beinen lag, zurückgezogen. Was sollte sie jetzt davon halten? Erleichtert sein? Vielleicht war es nur eine Steigerung des perfiden Spiels. Du schöpfst Hoffnung – und dann wendet sich das Blatt wieder, der Fall ist umso tiefer, umso traumatischer. „Ich will mir ja dieses Machogehabe abgewöhnen“, erklärte Honig, „ich verehre die Frauen, schließlich bin ich selbst irgendwie eine.“ Ach so, klar. Hermine sagte nichts. Sie starrte durch die Frontscheibe des Wagens, versuchte zu erkennen, wohin Honig mit ihr fuhr. Sie waren auf dem platten Land, die Namen auf den Wegweisern sagten ihr nur, dass sie sich von der Stadt entfernten. Irgendwann bremste der Wagen ab und bog in einen Feldweg ein.

Sie würde sich wehren. Eine Hermine ging mit fliegenden Fahnen unter, das war schon immer so gewesen, auch wenn diese Schlacht ihre letzte sein sollte. Bloß nicht an Jonas denken. Der war alt genug, der würde klarkommen. Nicht an Moritz denken. Der war zu alt, um selbst klarzukommen, aber er würde jemand anderes finden, der ihm dabei half. Sie beruhigte sich tatsächlich. Was schlecht war. Sie sollte sich aufregen, wütend werden, Energie sammeln. Diesem Schwein ins Lenkrad greifen, versuchen abzuhauen. Vor ihnen tauchte zwischen den kahlen Bäumen ein Haus auf. Holzhaus, Ferienhütte, was auch immer. Kein Prunkbau, Blumenkästen vor den Fenstern, ein wenig verkommen, hätte mal wieder einen Anstrich nötig gehabt. Honig stellte den Wagen vor der Tür auf einer kleinen Lichtung ab, das Motorgeräusch wich einer idyllischen Stille ohne Vogellärm, irgendetwas tickte. „Wir wären da, Gnädigste. Bitte ganz langsam aussteigen. Keine Fluchtversuche. Zwecklos.“

Die Frau, die durch das Fenster hinaussah, musste Lydia Gebhardt sein. Honig hatte Hermine am Arm gefasst, nicht einmal brutal, aber resolut. Die Haustür wurde geöffnet, die Frau trat einen Schritt ins Freie, ihre Stirn bewölkt wie der Himmel. „Und was soll das? Bringst deine Tussen jetzt schon her? Dreier oder wie?“ Schlecht drauf, schloss Hermine, das wunderte sie nicht weiter. Die Dame war erst vor kurzem Witwe geworden, was vielleicht nicht weiter schlimm für sie war. Aber sie hatte Angst, sie musste Angst haben, das merkte man, das konnte man beinahe riechen.

„Halt einfach mal die Klappe“, fuhr Honig Lydia an. „Das hier ist die Schnepfe von diesem Moritz Klein, hat vor deinem Haus rumspioniert. Sei froh, dass ich die Alte aufgesammelt hab.“ Lydia Gebhardt wollte etwas sagen, ließ es aber und machte die Tür frei. Honig zog Hermine ins Innere. Ein großer, rustikaler Raum, mit Hirschgeweihen an den getäfelten Wänden, also eine Jagdhütte. Auf dem Tisch, auch er groß und rustikal, Eiche massiv, stand noch Frühstücksgeschirr. „Setz dich“, sagte Honig und meinte sowohl Hermine als auch die Gebhardt. Die musterte den Gast mit dem Blick einer Frau, die Konkurrenz wittert. „Ist dir auch niemand gefolgt? Vielleicht ne Falle das alles? Die wollten, dass du die da mit hierher bringst und dann hängen sie sich…“ Sie sprang auf, machte ein paar schnelle Schritte zum Fenster, sah vorsichtig hinaus. Honig machte „oh mein Gott“ und schüttelte den Kopf. „Hör endlich mit deiner scheiß Panik auf. Uns ist niemand gefolgt.“

Die Gebhardt ging zurück zum Tisch und setzte sich wieder. „Und was sollen wir jetzt mit der? Kaffee trinken oder was? Nett plaudern und dann geht sie wieder?“ Honig hieb mit der Faust auf den Tisch. „Halt doch mal dein Maul! Die erzählt uns jetzt alles, was sie weiß, dann sehen wir weiter. Wenn sie lügt, kommt sie hier eh nicht mehr raus.“ Und wenn ich die Wahrheit sage?, dachte Hermine. Sie verkniff sich die Antwort. Und was wusste sie denn schon.

Lydia Gebhardt versuchte sich zu beruhigen. Schenkte sich Kaffee ein, der nicht mehr heiß sein konnte, denn sie trank ihn auf ex. „Scheiß egal“, sagte sie dann, „aber glaub bloß nicht ich helf dir, wenn du hier ein Loch graben musst. Der Boden ist gefroren.“ Schöne Aussichten.

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