26.07.2011 -247-

Er hatte einen Moment zu lange gezögert, die Waffe aus der Tasche zu ziehen, aufzuspringen, das Weiberquintett zu überwältigen. Wie in einem Western, assoziierte er. Die beiden Kolossinnen waren ihm immer weiter auf die Pelle gerückt, quetschten ihn ein, keine Chance sich zu bewegen, die Hand in die Tasche zu stecken. Ein Glück, dass die auf der rechten Seite nicht misstrauisch wurde wegen des harten Gegenstandes an ihrem linken Oberschenkel. Vielleicht hielt sie das für etwas anderes und genoss es. Nun gut. Abwarten. Krauses Zeit würde kommen. Und etwas anderes auch. Er sah zur Wanduhr. Dreiviertelstunde noch, hoffentlich war der Kerl pünktlich.

„Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden“, sagte er ruhig. Das war überhaupt das Wichtigste: ruhig bleiben, sich unter Kontrolle haben. Die Leute nicht in sich hineinschauen lassen. Aber das hatte er sein Leben lang üben können. Die Kasachin grunzte abfällig. „Der Doktor und ich waren die besten Freunde. Sonja? Du weißt es doch.“ Sonja Weber wirkte verunsichert. Schüttelte dann resolut den Kopf. „Sie waren immer eifersüchtig auf ihn. Er war die Respektsperson, Sie hingegen…“

„Der Alte leimt uns“, unterbrach Nancy. „Ich schau mich hier mal um.“ Sie verließ das Zimmer, die morschen Dielenbretter ächzten. „Glaub ich auch“, sagte Oxana. „Sie waren in das Spielchen eingeweiht, das Lothar und Georg veranstaltet haben. Lothar hatte irgendwie herausgefunden, was seine Schwester Lydia in der Spedition trieb, die Sache mit den Osterhasen, den geheimen Nachrichten. Oder hatte Georg es herausgefunden? Ja, ich glaube, es war Georg. Und hat es Ihnen dann erzählt, er vertraute Ihnen. Sie haben das Ganze in die Hand genommen, das war Ihre Chance, aber es wurde gefährlich. Der Konsul mit seinen Leuten, die Gebhardts – und dann verschwindet Georg, dann wird Lothar ermordet, Sie geraten in Panik. War doch so, oder?“

„Ich verstehe kein Wort.“ Krause war es warm geworden. Er hörte die eine da draußen rumoren, Schubladen ziehen, Türen öffnen und schließen.

„Und dann der Doktor“, fuhr Oxana fort. „Dem war die Sache mit dem Bergwerk zu heiß geworden, wahrscheinlich hatte er auch noch moralische Skrupel. Aber sie brauchten das Geld. Haben Sie Leute angeheuert? Die sich beschützen sollten, die Drecksarbeit für Sie erledigen? Könnte ich mir vorstellen. Oder haben Sie sich mit einem der beiden Konkurrenten geeinigt? Einen Deal vorgeschlagen? Großmuschelbach als ideales Experimentierfeld für die geldlose Gesellschaft? Oder war es ganz anders? SIE haben Georg und Lothar beseitigt, der Doktor war Ihnen zusätzlich in die Quere gekommen?“

Nancy erschien in der Tür. „Ester? Kommst mal? Da steht ein Schrank im Weg.“ Das war die Gelegenheit. Die Frau zu seiner Linken erhob sich, machte zwei Schritte weg. Krause sprang auf, zog dabei die Waffe aus der Tasche, machte selbst zwei Schritte zu Sonja Weber hin, riss sie herum, packte mit einer Hand ihren Hals, drückte ihr mit der anderen den Lauf des Revolvers gegen die Schläfe. „Die Märchenstunde ist vorbei, meine Damen!“ Haha, wie sie nun dastanden, Statuen, Kunstwerke! „Alle zum Sofa! Hinsetzen!“ Sie taten es, es wurde eng. Krause überlegte. Alle töten? Zu laut, zu viel Sauerei, zu auffällig. Abhauen, Sonja als Geißel mitnehmen? Auch nicht die beste Idee. Außerdem war Wegrennen nicht seine Sache, hatte er nie gemacht. Er war immer an seinem Ort geblieben, passiv, aus dem Hinterhalt agierend. Ihm fehlte das Charisma des Doktors, aber er war einfach — cooler? Ja, so sagte man das heute. Er war eine coole Sau.

Er musste warten. Auf IHN warten. Blick zur Uhr. Knappe halbe Stunde, dann wäre er hier, war so abgemacht, hoffentlich verspätete er sich nicht. Bis dahin die Furien in Schach halten. Immer aufmerksam sein, nicht nachlassen. Es wurde ihm immer heißer, er schwitzte. Roch Sonjas Haare, roch Sonjas Angst. Er würde schießen, gar kein Zweifel. Das war seine Chance, niemand sollte sie ihm vereiteln.

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