24.07.2011 -245-

Ich konnte nicht schlafen. Die Zeit war im Generalstreik, ihre Werktätigen – die Uhrenzeiger – machten Dienst nach Vorschrift und legten ausgedehnte Pinkel-, Debattier- und Zigarettenpausen ein. Ich erwachte um 3, dachte über Gott, die Welt und den unbekannten Rest nach, als ich auf die Uhr schaute, hielt mir die hämisch 3 Uhr 5 entgegen. Also wieder hinlegen, eindösen, die trostlose Wirklichkeit im Sud noch trostloserer Träume kochen, bis alle Gedanken verdampften, alles Wolken war und Nebel, nichts mehr eindeutig zuzuordnen. Es klingelte an der Tür. Wirklich? Oder träumte ich das? Ich stand auf – stand ich auf? Ich bewegte mich zur Tür – Oder wurde ich nur in diesem merkwürdigen Traum zur Tür bewegt? Ich öffnete sie – oder auch nicht, draußen standen zwei Männer – hoffentlich nur in der harmlosen Welt meines Traumes – einer hielt mir eine Pistole an die Nase – der andere drängte mich in die Wohnung – und irgendwie wusste ich plötzlich: Nein. Das ist kein Traum. Das ist Realität. Das weckte mich schlagartig auf.

Der größere der beiden Männer betrachtete mich prüfend von oben bis unten, was er sah, gefiel ihm offensichtlich nicht. „Habe die Ehre, Herr Kommerzienrat, der Johann bin ich und bitte submissest um ein kurzes Gespräch.“ Ich weiß nicht, wie Wiener Kaffeehauskellner aussehen, aber ich glaubte in diesem Moment zu wissen, dass sie alle wie dieser Johann aussehen mussten, hagere Typen, die einen Stock verschluckt hatten und in ihren Köpfen merkwürdige Redewendungen hin und her wälzten. „Schauens, der Herr hier“ – er wies auf seinen Begleiter, einen Mann, für den das Wort „schmierig“ erfunden worden war – „das ist mein Freund, der Herr Ulkus, und wissens halt, es hat uns nach einer kleinen Konservation mit Ihnen verlangt, wo Sie doch gestern Abend in unseren Räumlichkeiten waren und nicht mal Servus gesagt haben.“

Herr Ulkus – war das nicht der Typ, in dessen Gegenwart man sich nicht nach der Seife bücken durfte? – nickte ernst und macht „tz, tz, tz“. „Schauen’s“, sprach Johann weiter und musterte unauffällig das sogenannte Mobiliar in meiner Wohnung, „ich bin sehr für Konventionen, das müssens schon verstehen.“ Er erblickte die Kaffeemaschine und zog schwere Falten in sein Gesicht. „So a Schmäh! Kaffeemaschine! Aber ich brings übers mich und koche uns erst einmal einen Schwarzen. Habens Sahne und Zucker im Haus?“ Damit konnte ich sogar dienen. „Na sehens, wenigstens das. Setzen Sie Ihnen halt an den Tisch mit dem Herrn Ulkus, das ist ein gebildeter Mensch, Herr Generalprivatdetektiv, mit dem könnens ein wenig plaudern. Wo habens denn die Tassen? Im Schrankerl da?“

Mir leuchtete immer mehr ein, warum die meisten Bürger dieses Landes Österreicher hassen. Urlaub machen konnte man dort durchaus, aber nur, wenn man den Ureinwohnern tunlichst aus dem Wege ging. Und verlogen waren sie auch, was ich spätestens merkte, als Herr Ulkus, dem Johann die Pistole überreicht hatte, mir gegenüber saß und von Plaudern keine Rede sein konnte. Der Typ sah mich grinsend an, machte in unregelmäßigen Abständen sein „Tz, tz, tz“ und gähnte zwischendurch.

„So“, sagte Johann und brachte drei dampfende Tassen (ich hatte gar nicht gewusst, dass ich überhaupt drei Tassen hatte), „ist zwar kein richtiger Kaffee, aber ein wenig gemütlich machts schon, nicht wahr? Aber schauens, ich tät schon vorschlagen, wir führen unser Gespräch in einem kultivierteren Ambiente fort. Gehens und trinkens ihren Kaffee aus, damit Sie wach werden und ich koch uns dann bei uns einen richtigen. Na, was halten Sie von der Idee?“

Ich hielt überhaupt nichts davon, doch Ulkus schwenkte die Pistole so ungeduldig vor meinem Gesicht, dass ich das heiße Gesöff in mich hineinschüttete, Ulkus ähnliches tun sah, während Johann nur einmal an seinem Kaffee nippte und „bäh“ machte. Wir standen auf, Johann ging gemessenen Schrittes voran, Ulkus blieb in meinem Rücken, der spürte ein wenig Eisen auf der Haut. Halb 4. Die letzte Viertelstunde war bemerkenswert schnell vergangen.

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