20.07.2011 -241-

Ein hellblauer, nicht mehr ganz neuer Lieferwagen brummte an diesem Morgen gemütlich überland. Er lag ziemlich tief, als hätte er schwere Materialien geladen –und so war es auch. Fünf Frauen saßen im Wagen, drei von enormem Gewicht, alle in bequemer Kleidung, dicken taubengrauen Overalls, die beiden anderen schlank und im Vergleich zu dem gewichtigen Trio wie aus dem Modejournal gehüpft. Sie schwiegen. Eine, Nancy Halgrimsdottir, lenkte das Gefährt über die kurvenreichen Nebenstraßen, ein Kaugummi kauend. Neben ihr saß Oxana und schwieg. Hinten im Laderaum hockte Sonja Weber auf einer Pritsche und fühlte sich so beschützt wie niemals zuvor in ihrem Leben, denn links und rechts von ihr drängten sich Ester und Karla doppelzentnerschwer an den schmächtigen Körper Sonjas, dem plötzlich sehr warm war.

Etwas Nebel lag auf der Landschaft und machte die Hähnchenmastfarm, an der sie gerade vorbeifuhren, zu einem endgültig bizarren Ort. Eine Art Summen, fortwährend und monoton, das Mantra der eingepferchten Kreatur, es prallte gegen das unruhige Brummen des Motors, rieb sich an ihm, bis es in den Ohren wehtat. Dann öffnete sich das Tal und Großmuschelbach lag vor den Reisenden.

„Leck mich am Arsch“, sagte Nancy, „das hier ist nicht der Ort, an dem man lebendig begraben sein möchte.“ Oxana nickte. Dieser Platz war ein Friedhof, die Leichen hockten in ihren Häusern, niemand auf den Straßen. Sicher wurden jetzt Köpfe hinter die Gardinen geschoben, verfolgte man das fremde Auto ein Stück, bis es außer Sichtweite geriet. Es hielt vor Krauses Geschäft, sofort sah Oxana das Schild an der Tür, wusste, obwohl sie es nicht lesen konnte, dass so etwas wie „Heute geschlossen!“ darauf stand. Sie seufzte. Sollten sie den Weg umsonst gemacht haben? Das Quintett atmete hörbar aus und verließ den Transporter. Hinter den Vorhängen hielt man die Luft an. Was waren das für merkwürdige Gestalten? Fünf Frauen (eine kam den meisten bekannt vor), drei davon in wagneresken Walküredimensionen, fremd und bedrohlich, hoffentlich würden sie nicht anfangen, in Stabreimen zu singen. Sie gingen auf die Tür des Fotoladens zu, eine rüttelte an der Klinke, die störrisch blieb, nichts öffnete. Da kramte eine andere in der Tasche ihres sackartigen Mantels, zog einen spitzen Gegenstand heraus und steckte ihn ins Schloss, rührte ein wenig darin – und die Tür ließ sich öffnen. Das war Einbruch, kein Zweifel, aber niemand kam auf den Gedanken, die Polizei zu rufen. Es gab hier auch keine, man brauchte sie nicht.

Die Beobachter in den Häusern sahen die Fünf im Inneren des Ladens verschwinden und rührten sich nicht von ihren billigen Plätzen. Besser als Fernsehen war das hier allemal, besser als die Botschaften aus einer Welt, die nicht die ihre war, all der Glamour und die Katastrophen, der Wirbel um Island, wo lag das eigentlich?, kannten sie nicht, waren sie nie gewesen. Schade, dass man nicht erkennen konnte, was sich im Laden abspielte. Krause hatte sein Geschäft geschlossen, aber er war daheim. Heute morgen Licht in seinem Haus, der Schatten des Alten im Fensterviereck, sehr unruhig. Seit der Doktor tot war, herrschte Krause.

Krause hatte nicht reagiert, als an der Tür gerüttelt worden war. Sollten ihn doch alle mal. Er saß vor dem Fernseher, verfolgte die Entwicklung auf Island, sehr mühselig, aber es würde sich für ihn lohnen. Dieser Idiot von Doktor. Ein Menschenfreund! Ein Weichei! – Was war das? Jemand war im Laden, konnte nicht sein. War aber. Getrampel wie von einer Elefantenherde. Jemand, eine Frau, rief seinen Namen, er erkannte die Stimme. Die Russin, nein, die Kasachin. Eine andere Stimme, die „Herr Krause?“ fragte, die kannte er noch viel besser. Sonja. Die kleine dumme Sonja.

Krause erhob sich schwer, schlurfte zum Schrank, öffnete die Lade. Da lag er. Nahm ihn, steckte ihn ein.

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