19.07.2011 -240-

Dass der Konrad das Licht ausgeknipst hatte, war Irmi gerade recht gewesen. In ihrem Alter besaß die Ästhetik des Körpers nur noch nostalgischen Wert, die Haut war eine Tischdecke, die man in der Erinnerung straffzog. Wenigstens hatte sie ihren Liebhaber zu einem ausgiebigen Duschbad überreden können, nein, nicht zu zweit, denn Duschen im Dunkeln, das ging gar nicht.

Jetzt, danach, lagen sie nebeneinander im Bett und rauchten. Anfangs schweigend, dann erzählte der Konrad Schwänke aus seinem Leben und machte Pläne. Familie. Habe er sich immer nach gesehnt, aber wer finanzierte einem so was? Und was wurde aus dem politischen Lebenswerk? „Da verbürgerlicht man schneller als man Girokonto sagen kann, ne? Ich meine, nix gegen deine Bio, du bist halt ne Frau, da ist alles anders, scheiß Unterdrückung der Frau, schon klar.“

Vorsichtig brachte Irmi das Gespräch auf die Kommune. Das wäre doch auch eine große Familie, oder? „Wieviel leben da eigentlich?“ Der Konrad sog sinnierend an seiner Zigarette. „Tja, werden immer weniger. Der Rainer, ich und die beiden Mädels – also nicht dass du jetzt denkst – ich meine, klar, durch die Rippen schwitzen wir uns das aucht nicht, ist aber völlig repressions- und gefühlsfrei, nicht so wie bei UNS.“ Aha, dachte Irmi, jetzt geht’s wieder los. Und tatsächlich lobte nun der Konrad Irmis Erotik, man merke ihr die Indienerfahrung an, überhaupt die jahrzehntelange ungehemmte Einstellung zum Sex, das erstaunlich rührige Becken, das habe er zuletzt 1982 erlebt, „die hieß Sylvia und hat Gedichte geschrieben, aber beim Vögeln war sie besser.“
“Trotzdem“, sagte Irmi, „ich könnte mir das schon vorstellen – also das mit so ner Art Familie, muss ja keine bürgerliche sein, ich meine: geldlos halt, auf Vertrauensbasis gewissermaßen. Und nach meinen Töchtern sehne ich mich auch.“ Nein, die wüssten noch gar nicht, dass sie ihre Mutter sei. Aber sie hätten natürlich ein Recht drauf und sie werde es ihnen bald erzählen. Der Konrad sog und sinnierte weiter. Ja, sagte er, schon in Ordnung. Wär doch quasi Herrschaftswissen, wenn man denen das vorenthielte. Aber das mit Familie würde halt schwierig werden, weil…

„Weil?“ Irmi richtete sich auf. Das Licht war immer noch aus, sie tat es also ohne Hemmungen. „Weil ihr kein Geld erwirtschaftet?“ Jetzt lachte der Konrad. „Ich hab dir doch gesagt: Das Schweinesystem mit seinen eigenen Mitteln schlagen. Von wegen kein Geld!“ Er lachte jetzt noch lauter. „Hör mal: Hast Bock, gleich morgen früh mit mir raus zur Kommune zu fahren? Ich muss erst mit dem Rainer quatschen, ob ich dich einweihen darf. Is halt ziemlich ne heiße Kiste, ne?“ Irmi dachte nach. Klar, das hatte sie schließlich gewollt. Aber andererseits… irgendeine Stimme in ihr warnte. Tu das nicht, Irmi.

Aber wozu war sie so alt geworden? Um jetzt wie ein Schulmädchen den Schwanz einzuziehen? Okay, kein gutes Bild. Aber passte. „Na klar“, sagte sie und zündete sich eine weitere Zigarette, die dritte oder vierte oder fünfte an, dabei rauchte sie eigentlich gar nicht. Sie hörte, wie der Konrad nach seiner Unterhose tastete, keuchend hineinschlüpfte, wieder raus. „Is deine.“ Sie sagte „Dank dir“ und zog sich an, immer noch im Dunkeln, bis sie soweit waren, das Licht wieder anknipsen zu können. Auf des Konrads Gesicht lag noch die Seligkeit eines frischen Orgasmus, auf dem ihren – Irmi wollte lieber nicht dran denken. Zu nochmaligem Duschen war der Konrad nicht mehr zu überreden, er kam ihr argumentativ mit Ressourcenverschwendung, Energie und Wasser und so und sie solle mal nach Sierra Leone gucken, da würden sie sich mit Sand waschen, nein echt, wäre sowieso besser.

Gegen ein Frühstück hatte der Konrad nichts einzuwenden. Sie nahmen es wortlos zu sich, Irmi kochte zweimal Kaffee, „nach dem Sex brauch ich mein Koffein“, brüstete sich der Konrad und langte auch bei den aufgebackenen Brötchen zu. „Wirst staunen“, versprach er, „der Rainer hat dir allerhand zu erzählen.“ Irmi nickte. Sie würde staunen. Und wie.

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