18.07.2011 -239-

Ich hatte nicht viel, aber es war besser als nichts. So tröstet man sich immer. Ich verdiene 6,50 die Stunde, aber ist besser als nichts, könnte weniger sein. Fünf Prozent Wählerstimmen? Egal, kann man mitregieren. Kein Grund zum Feiern, dennoch nahmen wir in Borsigs Kabäuschen eine letzte Runde Schnaps und Knabberzeug, bevor mich Katharina und der Chauffeur aus dem Haus lotsten, zurück in die Garage.

„Is ja noch mal gutgegangen, Johann hat nix gemerkt.“ Ich nickte Katharinas Feststellung mechanisch ab, nicht ahnend, wie sehr sie sich täuschte. „Fahr uns in die Stadt, Bo, ich will noch mit den Zwergen zocken gehen.“ Er so apostrophierte Chauffeur setzte uns vor der Spielhölle ab. Ich überreichte den dort wartenden Jonas und Laura wortlos die traurigen Reste meines Münzgeldes und stromerte heimwärts durch die Nacht, den Kopf wie ein böhmischer Knödel gefüllt, allerdings nicht ganz so lecker. Dr? Konnte auch Doktor heißen, war sogar naheliegend. Der einzige in den Fall verwickelte Doktor indes weilte nicht mehr unter den Lebenden, überhaupt gab es immer weniger Doktores in unserem Land, nachdem man entdeckt hatte, dass es nicht nur die Copy- und Paste-Tasten gab, sondern auch die DEL-Taste. Doktor Unbekannt also.

Zuhause fand ich die Lage als in jeder Hinsicht unverändert vor. Mein Kühlschrank war leer, die Nachrichtensituation zu Island dünn, dafür der Kaffee, den ich mir gebraut hatte, umso dicker. Ich informierte mich ein wenig über Island und seine Rolle während der Finanzkrise. Die dortigen Banken hatten eine Art Schneeballsystem ausbaldowert, Kettenbriefen nicht unähnlich. Verlockende Renditen, die aus den Neueinlagen bezahlt wurden, bis es keine mehr gab und der ganze schöne Schein ebenso weg war wie die Kohle. Staatsbankrott. Proteste der Bevölkerung, Sturz der Regierung, Untersuchungskommission, Anklage gegen den Ministerpräsidenten und die Seinen, Schadenersatzforderungen vor allem aus Großbritannien und den Niederlanden, Volksabstimmungen, bei denen abgelehnt wurde, das Volk bluten zu lassen. Und jetzt? Rückzug in die freiwillige Isolation? Okay, aber was hatte der Konsul damit zu tun? Was seine geldlose Osterhasentruppe? Welche Bombe sollte platzen? Und, nicht zu vergessen, lieber Moritz, wo war Georg Weber?

Wenn ich an Georg Weber dachte, dachte ich an seine Schwester. Sofort Kopfkino, erotisch, schwülstig, Mädchenliebe. Was sie jetzt wohl tat? Wahrscheinlich schlafen, nahm ich an. Nicht allein, zeigte mir die Leinwand meiner unkontrollierten Phantasie. Um mich abzulenken, sah ich kurz bei Facebook vorbei, inzwischen knapp 500 Freunde, von denen ich die wenigsten kannte. Rechner runterfahren, die äußere Stille kosten, während es in mir „Geh endlich ins Bett!“ schrie und ich „Geht nicht, hab zu starken Kaffee getrunken!“ zurückmotzte. Die Gedankensuppe köchelte, rührte sich von selbst um, die Brocken schwammen nach oben, tauchten wieder ab, es dampfte, es blubberte. Ans Fenster und rausgucken, nichts. Vor lauter Verzweiflung noch einmal den Fernseher anschalten, natürlich Sondersendung. Würde jetzt eine Woche so gehen, Expertenfressen allenthalben, bis man sich dran gewöhnt hatte, siehe Japan, siehe Fukushima, was inzwischen keine Sau mehr interessierte, auch nicht die Leute, die auf einmal wieder mit „Atomkraft nein danke!“-Stickern durch die Weltgeschichte gelaufen waren. Alles wieder in Ordnung. Ich hörte mir das Geschwätz ein paar Minuten an, nichts als Spekulationen, eilig gestrickte Berichte über Island und die Isländer, über Wikinger und komische Typen, Schafe und die unvermeidlichen Geysire, die Edda und die Bankenkrise, heißes Wasser und heiße Luft. Ausmachen, noch einmal ans Fenster, nichts.

Nichts. Dachte ich. Oh, du naiver Moritz, wenn du gewusst hättest, was du gleich wissen wirst! Dass jemand im Treppenhaus war, leise hoch kam, etwas in der Hand hielt, bei dir klingeln würde. Und du wirst aufmachen. Völlig in Gedanken, ganz egal, wie spät es ist, ohne zu fragen. Einfach aufmachen. Idiot.

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