16.07.2011 -237-

Der Raum, in dem sich die emsigen Gäste des Konsuls bei Kaffee und Zigaretten von ihrer Arbeit erholt hatten, war klein, mit zähflüssiger, stinkender Luft und einer Menge Abfall gefüllt. Wer auch immer hier sauber gemacht hatte, dieser Ort war offensichtlich übersehen worden.

Wir schlossen die Tür hinter uns und machten Licht. Ein Resopaltisch mit überquellenden Aschen- und leeren Plastikbechern in geschmackvollem Kaffeebohnenbraun, ein knappes dreckiges Dutzend im Raum wild platzierter Stühle, eine schmale Anbauküche mit Kaffeemaschine. „Schöne Sauerei“, sagte Katharina. „Guck mal, da hat einer seine Kippen vergessen.“ Gut beobachtet. Ein halbvolles Päckchen GEYSIR – Island Tobacco Company. Hm. Ich hatte nicht gewusst, dass Island über ein tabakverarbeitendes Gewerbe verfügte und konnte es auch nicht glauben, obwohl der Beweis vor mir lag. Einstecken als Indiz-für-irgendetwas, Nancy befragen.

Unter dem Tisch stand ein Mülleimer, eines jener Exemplare, die ihre Mäuler aufreissen, wenn man auf ein Fußpedal tritt. Ich tat es und blickte in einen Abgrund aus Filtertüten und verbrauchtem Kaffeemehl. Dazwischen lag ein Stück Papier, von einem größeren gefetzt. Ich entnahm es dem Eimer mit spitzen Fingern, klopfte den anhänglichen Kaffeesatz ab und las den mit Kugelscheiber hastig, am Rande der Unleserlichkeit gekritzelten Möchtegernsatz: „dr wegen bombe informieren nicht vergessen sonst megascheiße“. Ich las den Satz noch einmal, murmelte ihn vor mich hin. „Bombe?“ Borsig war bleich geworden. „Hoffen wir, dass Schreiber dieses nur ein Bild benutzt, eine Metapher, wie der Germanistikstudent sagt. Bombe gleich Sensation, Überraschung oder was in der Art.“ Meine Ausführungen konnten Borsig nur unzureichend beruhigen.

„Und wer is dr?“ Katharina hatte es gefragt, ohne auf Antwort zu hoffen. Ich gab ihr dennoch eine. „Wenn zwischen dem d und dem r noch ein p stünde, wüsste ich’s. Übler Bursche. Schreibt im Internet krudes Zeugs und legt sich mit jedem an, der bei drei nicht aufm Baum ist.“ „Wow“, sagte Katharina, „interessanter Typ. Den möchte ich kennenlernen.“ „Wünsch dir das nicht“, warnte ich, „dem quillt der Geschlechtstrieb aus den Augäpfeln.“ „Umso besser“, schäkerte des Konsuls Töchterlein.

„Außerdem“, fuhr ich fort, „wer sagt, dass dr eine Person ist? Könnte doch auch – die Regierung heißen? Oder die Regungslosen?“ „Synonym“, winkte Katharina ab, „haben wir grad in der Schule durchgenommen.“ Aber sie nickte dann doch. „Stimmt, muss nicht ne Person sein. Ich glaub, wir sollten mal so langsam von hier verduften – oder is noch was besonderes?“

Die Antwort konnte ich mir sparen, denn plötzlich ging das Licht aus. Borsig, der in der Nähe des Schalters stand, machte „pssssst“, wir hielten die Luft an und hörten es jetzt auch: Schritte kamen näher. „Johann“, flüsterte Katharina und drängte sich an mich, der größte Teil ihrer vorgezeigten Coolness hatte sich verflüchtigt, was mir nicht unangenehm war, aber zum total falschen Zeitpunkt geschah. Die Schritte taten das, was sie in solchen Situationen notorisch tun, sie kamen näher. Sie hielten vor der Tür unseres Aufenthaltsortes inne, was sie auch gerne tun, und ich dachte seltsamerweise darüber nach, ob Schritte wirklich innehalten können und ob man nicht inne halten schreibt und überhaupt diese dämliche Rechtschreibreform und diese dämliche Regierung und diese dämliche Welt und dieser dämliche Kerl, der über so etwas nachdachte. Dann gingen die Schritte weiter und ich machte mir keinen Kopf, ob Schritte gehen konnten. War froh, als sie – na ja, verklangen? Ok, ich hatte meine poetischen fünf Millisekunden.

„Puh“, machte Borsig, „puh“, machte Katharina, „pah!“ machte ich. Noch einmal gutgegangen. Was etwas anderes ist als gut gegangen, ihr Rechtschreibreformidioten. „Warten wir noch ne Minute und hauen dann ab.“ Wir warteten noch eine Minute und hauten dann ab.

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