09.07.2011 -230-

Es gab keinen triftigen Grund, Nancy Halgrimsdottir nicht mit den Umrissen der absonderlichen Geschichte zu versorgen, die uns seit Wochen in Atem hielt. Wohl aber gab es einen sehr guten Grund, es zu tun: Denn die isländische Bildhauerin hatte meinen gewiss nicht dünnen rechten Oberarm in den Schraubstock ihrer linken Hand justiert, mich, als besäße ich das Gewicht eines handelsüblichen Suppenhuhns, vom Stuhl gezogen und zum Ausgang des „Café Noir“ geleitet. „Ich zeig dir mal mein Atelier, ok? Und du erzählst mir deine Story. Auch ok?“ Ich brachte es nicht übers Herz, einem doppelten ok? mit einem einfachen Nö zu entgegnen.

Wir liefen durch die dunkle Vorstadt. Nancy hatte ihren Griff ein wenig gelockert, ließ aber keinen Zweifel daran, dass dies lediglich eine Form des humanen Strafvollzuges sei und sie auch zu härteren Varianten desselben fähig sein würde. Der Weg war lang, die Luft eisig, der Himmel klar und mein Bericht ein rechtes Kontrastprogramm dazu: bündig, heiß, verworren. „Oh mein Gott“, stöhnte Nancy, als ich am Ende angelangt war, „wenn das stimmt, ist es die gequirlteste Kacke, die mir jemals zu Ohren gekommen ist.“ Ein Sprachbild, das ich mir besser nicht fotorealistisch vorstellen mochte.

Das Atelier der Künstlerin lag im Hinterhof eines tristen Gebäudes, das, wie ich wusste, früher eine Metallwerkstatt gewesen war. Der Hof selbst erinnerte an einen Schrottplatz, rostiges Eisen lehnte sich deformiert an patinierte Zink-Kupferlegierungen, polierter Stahl glänzte im Mondlicht, Blech schepperte bei jedem Gargantua-Schritt meiner Führerin, die die Tür zu ihrem Reich aufschloss und Licht machte. Im Inneren sah es kaum anders aus als auf dem Hof. Unmengen von Metallen, große Platten glatten Stahls, von denen noch der Geruch umfangreicher Schweißarbeiten ausging. „Auftragsarbeit für die Fachhochschule Kassel, drei zu der Andeutung einer Pyramide arrangierte Flächen“. Ich war beeindruckt. „Die wiegen doch mindestens…“ Ich hielt den Kopf etwas schräg und betrachtete mir die Giganten genau – „hm, also wenn nicht noch mehr… wie kriegst du die Dinger hier ins Atelier und wie bewegst du sie?“ Nancy lachte. „Alles solide Muskelarbeit, mein Lieber. Ich arbeite hier mit zwei Kolleginnen zusammen, Ateliergemeinschaft, verstehst du? Die sind gottseidank ein wenig kräftiger als ich.“ Ein Umstand, den ich mir nicht vorzustellen wagte. Drei Walküren und ich auf dem besten Wege, ein Wagner zu werden.

„Komm, wir trinken erst mal einen Schwarzen Tod.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand Nancy Halgrimsdottir hinter ihrer Skulptur. Sie kam mit einer Flasche und zwei Wassergläsern zurück, füllte beide zur Hälfte und reichte mir eins. „Nicht dieses läppische Zeugs mit 40% Alkohol, mit dem wir auf Island unsere Pferdchen tränken. Sei vorsichtig, trink nicht alles auf einmal.“ Genau das tat aber Nancy. Ich nippte nur und bereute es im nächsten Moment. Schwarzer Tod war ein passender Name, daran konnte es keinen Zweifel mehr geben.

Zwei Stühle wurden herbeigeschafft, wir saßen uns gegenüber, ich mein Glas in der Hand, Nancy mit einer Zigarette, die nicht mehr als drei Züge lang erglühte, bevor der übriggebliebene Filter im Aschenbecher landete. „Island“, sagte Nancy, „ist das Reich der Elfen, weißt du das? Der unsichtbaren Leute, wie wir das nennen, da gibt es die merkwürdigsten Geschichten. Die Elfen haben ihre Wohnungen und ihre Reiche, das muss man beachten, wenn man etwa eine neue Straße bauen will. Es gibt Menschen, die können Elfen sehen und wissen daher, wo sich ihre Wohnungen befinden. Sie fragt man um Rat, wenn irgendetwas neu gebaut werden soll. Und deshalb gibt es auf Island Straßen, die ohne erkennbaren Grund eine Kurve beschreiben. Sie werden an den Wohnungen der Unsichtbaren vorbeigeführt.“ „Glaubst du daran?“ Nancy sah mich erstaunt an. „Das ist keine Glaubensfrage, mein Schatz. Das WEISS man einfach. Wer die Wohnungen der Elfen missachtet, hat Unglück. Willst noch einen Schnaps? Trink mal schnell aus.“ Ich schloss die Augen und gab mir den Schwarzen Tod.

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