08.07.2011 -229-

Es stellte sich rasch heraus, dass auch Nancy Halgrimsdottir nicht auf dem Laufenden war, was die Entwicklung der hiesigen Kneipenszene anbetraf. Ein ausgiebiges Stipendium im italienischen Bologna – denn natürlich war Nancy Bildhauerin und arbeitete in Schwermetall – hatte sie von hier ferngehalten und jetzt, kurz nach ihrer Rückkehr, musste sie feststellen, dass die Karawane des Hippen und Trendyhaften das „Café Noir“ längst verlassen hatte und anderswo weilte. Das bereitete mir gehörige Sorgen, denn es war zu befürchten, auch die „Bauernschenke“ komme über kurz oder lang in den Genuss unserer Künstler- und Schriftstellerszene.

Nancy Halgrimsdottir war keine Frau, die man schönsaufen konnte, was mir sehr entgegen kam, denn ich hatte mir vorgenommen, mich nicht an Alkohol zu gewöhnen. Die isländische Walküre WAR schön, auf ihre Art, ein Muskelpaket mit originellen Zügen, wachen Augen in einem intelligenten Gesicht, vollständig in dicke Cordstoffe gekleidet, die Hände die eines malochenden Arbeiters, mit Schwielen und hervortretenden blauen Äderchen. Das Auffälligste an ihr war jedoch die Körpergröße. Lichte 1,90, schätzte ich, eher mehr, sofort wünschte ich mir, es gäbe viele saudiarabische Frauen von solcher Statur, die sich verbotenerweise hinter das Lenkrad eines Autos setzten und losfuhren, jedem keifenden Mann den Stinkefinger zeigten und bei Bedarf auch eine Faust in die Machoschnauze hauten. Nun ja, mann wird mal träumen dürfen.

„Wieso willst du eigentlich Isländer kennenlernen?“ fragte Nancy, „Ist das eine neue Form von perversem Sex? Mit Tieren ist out, jetzt Isländer?“ Sie meckerte ein gefährliches Lachen und leerte ihr Glas wie nicht anders zu erwarten auf ex, hielt es in Richtung der noch immer mit Zehenkunst beschäftigten Bedienung hin und erklärte: „Entweder das Glas hier ist in  3 Minuten voll oder ich steck dir deine Käsestangen einzeln und nacheinander in den Arsch oder wahlweise sonst wo hin.“ Oha. Der deprimierte Angestellte am Nebentisch sprang sofort auf, warf einen Schein auf den Tisch und machte sich aus dem Staub. Der von Sting schwer gepackte Jugendliche glotzte seinen Was-geht-hier-ab-Blick, das Mädchen hinter der Theke hatte „zu tun“ und verschwand in der Küche. Die mit zehnfacher Penetrierung bedrohte Serviererin blies hektisch den Nagellack trocken, erhob sich und watschelte auf den Fußballen zum Bierhahn. „Geht doch“, sagte Nancy Halgrimsdottir und dann: „Und nun zu dir. Also? Was ist dein Begehr?“

Ich erzählte es ihr in groben Umrissen. Dass mich die mysteriöse Lage auf  Island beunruhige – die Gründe sagte ich ihr nicht, murmelte nur etwas von „persönlichen Verbindungen nach Reykjavik“, was sie mir erkennbar nicht glaubte, aber hinnahm – und ich einfach mal aus erster Hand erfahren wolle, was sich dort abspielte. Sie blieb eine Zeitlang ruhig, nahm ihr zweites, vom weit ausgestreckten Arm der Bedienung aus sicherer Entfernung gereichtes Bier im Empfang, leerte es mit dem ersten Zug nur halb und stellte es ab.

„Du weißt, was in den letzten Monaten auf meiner Insel abgegangen ist? Die Politiker und Banker haben uns in was reingeritten – ok, wir haben das alle mitgemacht, war ja auch lohnend – und jetzt sollen wir britischen und holländischen Spekulanten hübsch das zurückzahlen, was sie auf eigenes Risiko eingesetzt haben. Das heißt, nicht mal denen, die sind ja von ihren eigenen Regierungen entschädigt worden. Aber denen halt. Die Leute bei uns sind aus allen Wolken gefallen und besinnen sich mehr auf die Vergangenheit. Island, verstehst du, das war einmal ein armes und isoliertes Land. Aber…“ Sie sah hoch und mich an, schickte mir einen Blick, der Männer bis zum nächsten Weihnachtsfest impotent machen konnte. „Aber“, wiederholte sie, „was erzähl ich dir da. Du lügst mich an. Kein Mensch kommt in eine Kneipe und will mit einem Isländer über Island reden. Und was für persönliche Verbindungen hast du? Sag mal Namen. Ich stamme aus Reykjavik und kenne dort ALLE. Nun?“ Ich saß in der Falle. Sie wusste es, ich wusste es. Ich trank mein Bier aus und hob es ebenfalls zur Serviererin hin. Die machte nur „tz“ und lackierte sich die Zehennägel weiter.

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