04.07.2011 -225-

Oxana schaltete das Radio aus. „Wàs hat das zu bedeuten?“ fragte Sonja und schlug die Bettdecke zurück. „Weiß nicht“, sagte Oxana und kroch in die Wärme, drückte ihre kalte Haut vorsichtig an die warme Sonjas. „Wir werden es erfahren.“ Sie umschlangen sich, es wurde unvermittelt Hochsommer, eine Hitzewelle, Schweiß.

Oxana hatte nicht schlafen können, war am Morgen durch das Haus gewandert, Sonjas Bild im Kopf, wie sie dalag, den Mund leicht geöffnet, mit gleichmäßiger Atmung und im geliehenen Schlafanzug. Sie kochte sich Kaffee, legte das Handy neben sich, schaltete den Computer an, wartete. Warum Vika sich nicht meldete? Man erreichte ihre Mailbox, zwei Nachrichten hatte Oxana hinterlassen, immer noch keine Antwort. Sie suchte nach Schnüffel, diesem ehemaligen Privatdetektiv, doch der hatte im Netz keine Spuren hinterlassen, was bedeuten musste, dass er überhaupt nicht existierte. Kein Mensch ist heutzutage ein Objekt ohne digitalen Schatten, gibt es gar nicht.

Dann war sie zurück zur schlafenden Sonja, hatte ihr das Haar aus dem Gesicht gestreichelt, „meine kleine mysteriöse Frau“ gesagt, sehr leise, um Sonja nicht zu wecken, aber die bewegte sich, öffnete zwei Augenspalten und lächelte. „Guten Morgen.“ Jetzt lagen sie wieder so da, Oxanas Haut von der Haut Sonjas erwärmt, zwei Teppiche, die sich aneinander elektrisch aufluden. „Nächste Woche muss ich meinen Job in der Buchhandlung antreten“; sagte Sonja, „in meine Wohnung – in Georgs Wohnung – zurück, ein normales Leben führen.“ Ein normales Leben. Was war das? Sie dachte sich ein Fragezeichen auf die Stirn, Sonja küsste es zu einem Ausrufezeichen. „Was denkst du gerade?“

Ich denke gerade so viel, viel zu viel, dachte Oxana und antwortete: „Nichts.“ „Kein Mensch denkt nichts“, sagte Sonja und Oxana zog eine Schnute. „Hast recht. Ich denke an einen Privatdetektiv, den es nicht zu geben scheint, an eine abgelegene Insel, von der sich jemand nicht meldet, an einen alten verlogenen Kauz in einem seltsamen Dorf, an zuviel Alkohol gestern, an deine warme Haut, an…“ Weiter kam sie nicht. Sonja verschloss ihr den Mund, öffnete ihn mit ihrer Zunge, inspizierte Zahnreihen, zog mit der Zunge einen feuchten mäandernden Pfad über Kinn, Busen und Nabel. Alles, woran Oxana gedacht hatte, wurde ausgeknipst, eins nach dem anderen, fiel zurück in völlige Dunkelheit, bis nichts mehr geblieben war, keine irdische Existenz mehr, eine himmlische noch, sehr kurz, zu kurz, unendlich lang.

Der Kaffee war kalt geworden, Oxana kochte frischen. Dreizehn Uhr, ein Schlag vom Kirchturm. Die Nachrichten. „Hollywood…“ Sie hörten schweigend zu, aufgebackene, noch warme Brötchen in den Händen. „Das hat etwas mit uns zu tun“, sagte Sonja und Oxana nickte. Eine Land schottet sich ab, zieht sich auf sich selbst zurück. Gründe. Was für Gründe? Sie grübelten, kamen zu keinem Ergebnis.

Noch einmal wählte Oxana Vikas Nummer. Jetzt meldete sich nicht einmal mehr die Mailbox. Wieder das Fragezeichen auf der Stirn. „Was ist los?“ Oxana schüttelte den Kopf. „Das ist nicht Vikas Art. Sie würde sich melden, wenn sie es könnte. Aber es ist alles – tot.“ „Wie auf Island“, sagte Sonja, „da wurden auch sämtliche Verbindungen gekappt.“ Oxana schaltete den Fernseher ein, eine Sondersendung zur Lage auf Island, keine neuen Erkenntnisse. Ausschalten. Sich auf das freuen, was kommen würde, der gemeinsame Duschgang, die unvermeidliche Konsequenz, eine weitere Ewigkeit im Himmel, die zu schnell enden würde. Liebte sie am Ende diese Frau? Sie hatte alle Frauen geliebt, mit denen sie geschlafen hatte, solange sie mit ihnen geschlafen hatte. Sie hatte sogar den einzigen Kerl geliebt, der… Mit Sonja war es anders. Sie stellte sie sich als adrette Buchhändlerin vor im geschlechtsneutralen Kostüm, sehr bieder, die Haare zu einem Dutt gebändigt. Musste lächeln. Sah zu Sonja, die auch lächelte. Fragte: „Duschen?“ Wurde zum jungen, kecken Mädchen, der ein anderes junges, keckes Mädchen „Joar“ entgegenhauchte.

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