30.06.2011 -221-

Nichts schadet der Verständigung unter den Menschen mehr als die Sprache, dieses Danaergeschenk, diese teuflische Mitgift, die uns Gott bei der Vertreibung aus dem Paradies anstatt fauler Äpfel nachgeworfen hat, und wie prächtig erginge es der Menschheit doch, könnte sie vollständig durch Ohrwackeln oder wechselnde Verfärbungen der Gesichtshaut miteinander kommunizieren! Weg mit Wörtern! Zur Hölle mit der Dichtung! Alles Unfug, alles Tand!

Wer es nicht glauben wollte, sich aber an jenem Abend zufällig in der „Bauernschenke“ aufhielt, wurde eines Besseren belehrt. Nie verstand man sich inniger als ab dem Moment, da der Alkohol das Sprachzentrum außer Gefecht gesetzt hatte, nur noch, wenn überhaupt, Buchstabensuppe aus den Mündern barst, teigige Gebilde im Spuckewasser, und das Wahrhaftige in seiner reinsten Form zum Vorschein kam. Als irrer Blick, obszöne Handbewegung oder stummes Glotzen.

Wir hatten alle zuviel getrunken, selbst die Servierfrauen sich Mut einflößen müssen, bevor sie von der vielarmigen Rentnerkrake gepackt wurden. Penuntia non olet, dachte Hermine wohl und lief geradewegs in eine aus dem Nichts hervorgesteckte Hand, die dorthin strebte, wo das Dirndl am verlockendsten ausgebeult war. Geld stinkt nicht? Nö, aber Gestank gilt nicht – und zack landete Hermines beweglicher Ellenbogen in der pestillenten Zahnreihe des Angreifers. Der verfügte über ein Ersatzgebiss, wechselte aus und lachte, wenigstens im Ansatz auf seine Kosten gekommen.

Auch die Damen an unserem Tisch waren abgefüllt. Oxana knetete sich ganz ungeniert durch Sonjas Fleisch, Sonja hatte seit zwanzig Minuten ihre Zunge in Oxanas Mund, Irmi sah dem Ganzen interessiert zu und wartete, welches der beiden Mädels wohl zuerst kapitulieren und nach Luft schnappen würde. Ich erfuhr erst im Nachhinein – genauer: in Hermines Bett – von dieser Begebenheit, denn als sie sich begab, musterte ich seit einer halben Stunde Borsigs Chauffeurmütze, die, niemand weiß wie, auf meinem Schoß lag. Borsig lag noch eine Etage tiefer, unter dem Tisch nämlich, und schlief.

Die Sprache also hatte ausgedient. Dennoch war es höllisch laut im Gastraum, ein apokrypher Grundton, sagen wir es so. Den brachten die Rentner zustande, denn sie redeten weiter, was völlig unnötig war, aber die meisten Dinge sind unnötig und werden doch bis in alle Ewigkeit fortgesetzt, Wahlen, Talkshows, verbale Liebeswerbungen. Selbst die Zwillinge Helga und Monika waren von der Sprachlosigkeit erfasst worden, obwohl sie als einzige im Raum einen vom Alkohol unangetasteten klaren Kopf behalten hatten. Der Laden florierte, die Kasse klingelte.

Für diesen Abend also dachten wir nicht mehr an all den Dreck, der uns bedrohte. Wir dachten daran, wie wir in unserem Zustand nach Hause kommen sollten, an Fahren war eh nicht mehr zu denken, an Laufen aber auch nicht. „Ich rufe mal Jonas an“, sagte Hermine und stellte mir ein Bier hin – „das letzte, mein Freund, sonst können wir deine Libido für heute Nacht abhaken!“. „Der soll kommen und uns abholen?“ Ein juveniler Cicerone? „Jau“, sagte Hermine nicht ohne Stolz, „der fährt für sein Alter schon klasse Auto und in Borsigs Luxuskarre gehen wir doch alle rein, oder?“ Ich vermochte dem nichts zu entgegnen, alles war mir vollständig egal.

Tatsächlich erschien Jonas eine Viertelstunde später. Blieb in der Tür stehen, verschaffte sich einen Überblick über die versoffene Erwachsenenwelt, seufzte tief, erblickte Borsig, der gerade noch verschlafen unter dem Tisch hervorgekrochen kam, ging auf ihn zu, „gib mal die Autoschlüssel, Alter. Ich fahr euch halt heim, du kommst mit zu uns, Katharina sitzt im Wohnzimmer bei Laura, Frauengespräche.“ Das letzte Wort war wie eine große Resignation, das sich Einfinden in Unveränderbares gesprochen worden – und es war das einzige vernünftige Wort des ganzen Abends gewesen. Borsig nickte nur und kramte den Autoschlüssel hervor.

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