27.06.2011 -218-

Oxana und ich sahen uns an. Krause, der harmlose Fotohändler? Den hatten wir nach unserem Besuch in Großmuschelbach stillschweigend von unserer Liste der Verdächtigen entfernt. Und jetzt ein Mitverschwörer? „Das weiß ich eben nicht“, sagte Sonja Weber, „aber mein Bruder zitterte, als er davon erfuhr, dass Krause die Bücher bemerkt hatte. Ich fragte, was denn los sei, er sagte nur ‚Ach was, was soll denn los sein, gar nichts!’ Ich dachte, es hätte etwas mit dem zu tun, was wir in Großmuschelbach veranstalteten, den Partys und so. Aber der Doktor war weiterhin normal und eigentlich lenkte der doch alles.“

Der Doktor. Ich fragte Sonja, wie sich Krause und der Doktor verstanden hatten, sie schüttelte den Kopf, antwortete „Na ja, ich weiß nicht“, überlegte dann und ergänzte: „Nachdem die Sache aufgeflogen war, haben sie sich gestritten. Der Doktor wollte aufhören, Krause weitermachen. So ein paar Hanseln aus der Stadt“ – sie sah mich entschuldigend an – „mit denen würde man doch wohl fertig werden, man solle ihn nur machen lassen, er habe seine Mittel. Aber wir wollten alle nicht mehr, wir wollten das Spiel ein für alle Mal beenden, etwas Solides auf die Beine stellen. Krause musste sich knurrend fügen.“

Wieder verbrachten wir ein paar Minuten damit, unseren Gedanken nachzuhängen. Die Stille des Hauses drückte auf die Schädeldecken, endlich fuhr draußen ein Auto vorbei und rief „Hey, ich bin’s, das Leben, ich lebe noch“. Ich kam nicht mehr dazu, die spekulative Wildnis in meinem Gehirn wuchern zu lassen und zugleich mit der Machete meines logischen Verstandes einen Trampelpfad durch diesen Dschungel zu schlagen. Denn Sonja Weber ließ eine Träne über die linke Wange rollen und sie sagte: „Als dann Georg verschwand, wusste ich, dass es etwas mit diesem Geheimnis zu tun hatte, mit dem, worüber sie schwiegen, was sie aber in Angst und Schrecken versetzte. Ich fragte Lothar und erhielt keine Antwort, ich fragte Krause und erntete die Drohung, meine Nase nicht in fremde Angelegenheiten zu stecken, das ende selten gut. Alles das“ – sie schickte mir wieder einen Blick der Entschuldigung und wischte sich den Tränenrest vom Kinn – „alles das habe ich dir verschwiegen und es tut mir leid. Vielleicht wusste ich damals schon, dass mein Bruder tot sein musste, dass…“ Weiter kam sie nicht. Der Tränenvorhut folgte nun die heranpreschende Kavallerie des salzigen Wassers, ein Vorgeschmack darauf was passiert, wenn die Polkappen schmelzen und sich die Fluten über die Küstengebiete hermachen werden. Sonja Weber heulte dabei völlig lautlos, als wolle sie die Stille nicht stören.

Oxana nahm Sonjas Kopf in beide Hände, zog ihn an sich, küsste die Stirn, streichelte durchs Haar, warf ihre Finger wie mutige Rettungsschwimmer in die Sturzbäche des Gesichts der Weinenden. Und ich? Saß dumm daneben, ein Mann halt, der alles sofort auf die Bettebene transponiert, sich das Ganze als erotisches Beiwerk vorstellt, verlegen wird, nichts zu sagen hat und also etwas völlig Deplatziertes murmelt, so etwas wie „Wer war dieser Antonio Gramsci eigentlich? So heißt doch die Kommune, in der Irmi neulich war.“

„Ein italienischer Theoretiker des Marxismus, zwanziger und dreißiger Jahre, wenn ich mich nicht irre“, sagte Sonja Weber, küsste ihrerseits Oxanas Stirn und befreite ihren Kopf aus dem zärtlichen Schraubstock. Von zwei Seiten wurden nur Papiertaschentücher gereicht, um die Folgen des emotionalen Klimawandels zu beseitigen. „Und was hat der mit Geldlosigkeit zu tun?“ Das wusste auch Sonja nicht. Würde man herausfinden müssen. Wieder eine Spur, als hätten wir nicht längst genug davon.

„Hast du die Telefonnummer von Krause im Kopf?“ Sonja nickte Oxanas Frage ab. Habe sie. Etwas Vierstelliges, leicht zu merken. Oxana gab die Zahlen in ihr Handy ein. Wartete, wartete. „Er ist nicht da“, sagte sie endlich. Ich kapierte. „Das heißt, er könnte zum Beispiel nach St. Malo gereist sein, warum auch immer und bei dieser Gelegenheit hat er den Herrn Gebhardt totgeschlagen.“ Oxana nickte. Wir trauten inzwischen allen alles zu.

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Eine Antwort zu 27.06.2011 -218-

  1. Mistie schreibt:

    „Wir trauten inzwischen allen alles zu.“
    Zu dieser Schlussfolgerung bin ich auch im „richtigen Leben“ gekommen, leider 😦

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