26.06.2011 -217-

„Ich weiß schon länger, dass mein Bruder Georg in irgendeine dubiose Geschichte verwickelt ist“, begann Sonja Weber. „Als ich mit Lothar… jedenfalls haben sich die beiden angefreundet und bald habe ich gemerkt, dass sie Geheimnisse vor mir hatten.“ Sie versuchte sich an einem Lachen, brach aber erfolglos ab. „Zuerst dachte ich: sind die schwul? Stecken die Köpfe zusammen und kichern, das ist doch nicht normal unter erwachsenen Männern. Und immer diese Frotzeleien mit Ostern und Eiern! In einem schwachen Moment… na ja, Lothar hat den Mund nicht halten können. Er wäre bald steinreich, todsichere Sache. Und mein Bruder auch und ich natürlich auch und überhaupt dieser ganze Schleim. Mehr wollte er nicht sagen, ich hab ihm auch kein Wort geglaubt.“

Sie verlangte nach einer Zigarette und bekam sie. Wir qualmten Marxers Küche voll, Oxana schenkte nach. „Mehr so aus Scherz habe ich dann Georg auf Lothars Quatsch angesprochen. Er wäre ja jetzt bald reich und so. Ihr hättet sehen sollen, wie der zusammengezuckt ist! Wie er Lothar beschimpft hat, kann das Maul nicht halten, der Idiot und so. Da wusste ich: Die planen etwas – und koscher kann das nicht sein.“

Es war ja nie etwas koscher gewesen im Leben der Geschwister. Sonja schien zu ahnen, dass ich das dachte, vielleicht sah man es mir an, ich kann mich nur schlecht verstellen. Sie nickte in meine Richtung. „Aber wer war ich, über Lothar und Georg zu richten. Was wir in Großmuschelbach anstellten, war ebenso wenig in Ordnung, obwohl wir es zum Wohle der Gemeinschaft taten. Nun ja, nicht alle, ist mir schon klar. Dann veränderte sich mein Bruder. Er bekam Angst. Auch Lothar war längst nicht mehr so locker drauf wie sonst. Etwas war passiert, eine Bedrohung, eine Komplikation, ein unerwartetes Ereignis, ich wusste es nicht. Wenn ich einen der beiden darauf ansprach, wichen sie mir aus. Sei doch alles in Ordnung, das bilde ich mir nur ein. Sie beruhigten mich, sie nannten mich hysterisch, sie verbaten sich, über die Angelegenheit zu sprechen. Aber ihre Angst – ja, Angst – wurde immer größer. Und dann passierte das mit den Büchern.“

Sie brauchte eine Pause. Vika nahm Sonjas Kopf und bettete ihn dort, wo Millionen männlicher Köpfe gerne gebettet worden wären. Ich registrierte es seltsam gefühllos. Nach einer Minute richtete sich Sonja Weber auf, setzte sich wieder aufrecht an den Tisch. „Ich arbeitete damals noch in unserer Buchhandlung in Großmuschelbach. Viel verdienen ließ sich da nicht, wer konnte sich schon Bücher leisten. Der Doktor, der Fotograf, ein paar ältere Leute. Wir lebten davon, Zeitungen, Zeitschriften und Glückwunschkarten zu verkaufen, das reichte gerade so. Georg, der ja ab und zu ins Dorf zurückkam, unterstützte uns, indem er das, was er an Büchern brauchte – auch nicht viel, muss ich leider sagen – bei uns bestellte.

Eines Tages, vor einem halben Jahr etwa, lag wieder ein kleiner Stapel für ihn bereit. Ein Buch über Jersey und eines über Antonio Gramsci sowie ein ziemlich umfangreiches Werk über die französische Revolution. Ich hatte ihn noch aufgezogen, was er denn damit wolle. Philosophie und Geschichte waren nicht gerade seine Steckenpferde und eine Reise nach Jersey konnte man sich bei ihm auch nicht vorstellen. Er wich mir aus, wurde beinahe patzig. Wenn ich ihn hier ausfrage, dann werde er sich seine Bücher künftig in der Stadt besorgen. Ja, er wirkte gereizt wie so oft in diesen Tagen. Ich drang nicht weiter in ihn.“

Wieder machte sie eine kleine Pause, rauchte trank. „Jedenfalls hatte ich die drei Bücher, als sie endlich eingetroffen waren, auf der Ladentheke bereitgelegt, Georg wollte in nächster Zeit kommen. Zuerst aber kam, wie jeden Morgen, unser Fotograf Krause, um seine Zeitung zu kaufen. Er entdeckte die Bücher, sah sie sich an, murmelte. Ich weiß nicht, aber ich glaube, er wurde sehr zornig. Murmelte auch etwas, das wie „Idiot!“ klang und verließ dann sehr rasch und ohne Gruß den Laden. Am Nachmittag kam mein Bruder. Beiläufig erzählte ich ihm von Krauses Reaktion – und er wurde ganz bleich, als habe er eine unheimliche Erscheinung.“

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