25.06.2011 -216-

Errötete Sonja Weber, als sie mir in die Augen sah? Sie hatte allen Grund dazu und es hätte ihr gut gestanden, ein Kontrapunkt zu ihrem dezenten Makeup, das ihr Gesicht in eine kaum zu beschreibende Landschaft aus Undurchdringlichkeit und Transparenz verwandelt hatte. Wir nickten uns zu, gaben uns die Hände, Oxana beobachtete uns aufmerksam. Und ja, ich gebe zu, dass es mir weh tat, als sich die Hand der Kasachin auf Sonjas Rücken legte und ihn zärtlich streichelte. Den Rücken einer Lügnerin.

Auf dem Weg zu Marxers Villa hatte ich mich in Rage gegrübelt. Meinem Ziel, das Schicksal des verschwundenen Georg Weber zu erhellen, war ich keinen Schritt näher gekommen, wohl aber führte mich jeder Schritt weiter in den Irrgarten einer verschlungenen Geschichte. Diese Geschichte spielte mit uns. Sie benutzte uns als billige Komparserie, sie dirigierte uns, ge- und verbrauchte uns, spuckte uns, wenn wir unbrauchbar geworden waren, sofort aus, katapulierte uns zurück in das Nichts, aus dem wir gekommen waren. Hilflose Kreaturen ohne Muskeln, ohne Knochen, willfährige Schlenkerpuppen, nach allen Seiten offen wie nur je ein Schleimbeutel, formlos, grotesk.

Bis auf Sonja Weber, redete ich mir ein. Jede Geschichte braucht eine Schöpferinstanz, und in dieser Geschichte war SIE das. Sie war die Herrin, bei ihr liefen die Fäden zusammen, an denen sie uns lenkte. Das Dumme war nur: Je deutlicher diese Erkenntnis in mir wurde, desto überzeugter war ich, mich zu irren. Je mehr ich Sonja Weber hasste, desto näher kam ich ihr, erfasste mich die Schwerkraft, machte mich zum ewigen Satelliten. Am Ende hasste ich mich selbst.

Wir drei saßen jetzt am Tisch, Getränke vor uns, ein peinliches Schweigen zwischen uns. Endlich sagte Oxana: „Die Geschichte wird immer absurder“, und da konnte ich mich nicht mehr halten, alles brach aus mir heraus, ich wies mit dem Finger auf Sonja, meine Stimme überschlug sich: „Weil SIE lügt!“

Sonja Weber zuckte zusammen, Oxana erstarrte, ich schämte mich ob meines Ausbruchs, wir schwiegen. Eine Minute lang oder zwei oder fünf? Die Stille des Hauses machte mich verrückt. Ich wünschte mir Marxer herbei, den erfahrenen Autor, wie er aus dem Hintergrund treten und sagen würde: „So Kinder, hübsch vertrackte Story, typischer Whodunit, wie üblich thematisch überfrachtet und mit ganzen Legionen roter Heringe gespickt. Aber hoppla, hoppla, jetzt kommt mal zu Potte und entwirrt die Fäden.“ Und dann würden alle MICH anschauen, mich, den Helden, mich, den Detektiv. Komm schon, Klein, ermuntern mich die Leser, wir haben dich jetzt lange genug durch die Schwarte begleitet, unsere Köpfe rauchen, wir blicken nicht mehr durch. Gib uns endlich die Auflösung, sag uns, wer es war, wie es war, warum es war. Neben uns liegt schon der frische Nele Neuhaus, fünfhundertnochwas Seiten mit angeklebtem Lesebändchen, das hat was, das ist wie Goethe Gesammelte Werke, ein must read. Also wir hören.

Wir hörten nichts. Die Stille. Sonja war unter ihrem Makeup sehr blass geworden, Oxana, die kein Makeup trug, atmete laut und unregelmäßig, ich musste etwas sagen, ich hielt die Stille nicht mehr aus. „Entschuldigung“, sagte ich, der ich alles sagen wollte, nur nicht „Entschuldigung“. Oxana nickte und wollte ihrerseits etwas sagen, doch eine Handbewegung Sonjas ließ sie innehalten. In das durchsichtige Gesicht kam Farbe, eine Rötung, glimmende Pünktchen, es glänzte wie eine morgendliche Straße, auf der Tau gefroren war, es… „Moritz hat recht“, sagte es aus diesem Gesicht heraus. „Ich bin eine Lügnerin.“ Oxana wollte etwas sagen, doch eine weitere Handbewegung Sonjas verhinderte auch das. Sie ergriff das Glas vor sich, brachte es an die Lippen, trank wie jemand, der zu einer Rede ansetzt. Und räusperte sich. Wir sahen sie an und warteten.

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