24.06.2011 -215-

Die Heimat begrüßte mich mürrisch mit düsterem Wolkenballett und Regen, der auf meinem Schädel dazu Applaus trommelte. Ich gab den Kunstbanausen, ignorierte auch all die grauen Vorhänge um mich herum, wollte nur heim, mich hinlegen, schlafen, nichts mehr denken, die Erinnerung unter der Last der Leere in mir ersticken.

 

Seit Paris hatte ich mit meinen Mädels via Internet konferiert und sie über die jüngsten Ereignisse ins Bild gesetzt. „Wumm“, schrieb Oxana treffend zurück, „aber Vika macht das schon. Die ist doch Profi und noch mal sorry, du weißt schon.“

Vika. Ich war erleichtert, dass Hermine nicht nachhakte. Nicht schnippisch fragte, was denn das für eine sei, wie sie aussehe, ob ich etwa…nein, tat sie nicht. Statt dessen erzählte sie von ihrem neuen Job bei den Schwestern, von der Großzügigkeit des verrenteten Stammpublikums in der „Bauernschenke“, „man muss denen nur klar machen, dass die Hände auf den Tisch oder zwischen die eigenen Beine gehören und nicht auf die Arschbacke der Servicekraft. Und sonst geht’s dir gut?“

Gut war etwas anderes. Ich war sitzplatzmäßig in ein Rudel Finanzhaie geraten, die aus Gründen vorübergehender Sozialromantik in der 2. Klasse fuhren und den griechischen Fast-Staatsbankrott diskutierten. „Wenn Schäuble tatsächlich die privaten Anleger zur Kasse bittet, sorgen wir dafür, dass die Rollstuhlpreise ins Bodenlose steigen!“ Diese Drohung wurde allemein begrüßt und der dabei zu erzielende Profit über den Daumen berechnet. „Ich hab meine Eigenkapitalrendite von 250 % auch noch nicht wieder drin“, greinte ein anderer. Sofort wurden ihm barmherzige Tempotaschentücher gereicht. „Und immer dran denken, was Warren Buffett einmal gesagt hat: Wir befinden uns im Klassenkampf zwischen Reich und Arm und die Reichen werden gewinnen.“ Ich schloss die Augen und stellte mir eine schier endlose Reihe von Laternenpfählen vor.

Kurz vor der Grenze erreichte ich endlich auch Irmi. Wir erzählten uns gegenseitig vom Grafen Strontium, wenigstens in diesem Punkt schien Regitz die Wahrheit gesagt zu haben, obwohl sie uns keinen Schritt weiterbrachte. Den unangenehmen Besuch jener auch mir hinlänglich bekannten sehr merkwürdigen Killer hängte Irmi wie eine Nebensächlichkeit an ihren Bericht. „War mal was anderes“, fegte sie mein Erschrecken beiseite, „ich glaube sowieso, die wollen nur im Namen der Bundesregierung Geld unter die Leute bringen, Ankurbelung der Binnennachfrage und so.“

Das alles duschte ich mir vom Leib. Eine Stunde lang schrumpelte meine Haut in den Wasserströmen, ich wurde ein alter Mann ohne Gedächtnis, dem Element ausgesetzt. Als ich mich frottierte, kam alles zurück. Ich seufzte und legte mich auf meine Matratze, schlief sofort ein.

Oxana hatte mich für den Abend in Marxers Villa eingeladen. Der Meister selbst glänzte durch Abwesenheit, eine kleine Lesereise in die Provinz, Buchhändlerinnen und Studienrätinnen becircen, das eine oder andere erotische Abenteuer wohl auch. Aber Sonja Weber sei schließlich wieder da – hier bekam Oxanas Stimme ein unbestimmtes Vibrieren und ich wusste genau, was passiert war. Vielleicht konnten wir dann allesamt in die „Bauernschenke“ gehen, Hermine beim Arbeiten zuschauen und überdies Borsig treffen. Den habe sie zum Rapport befohlen. Eine lockere Runde zum Stand der Dinge, sozusagen, alles werde irgendwie verworrener, Marxer würde behaupten, ein Ende der Story sei noch nicht in Sicht und müsse, wie in Kriminalromanen üblich, durch einen überraschenden Showdown hergestellt werden. Den allerdings erwarteten wir nicht.

Ich zog mich um, trank ein wenig Wasser und aß den Rest der Schokolade, die ich mir in Paris als Reiseproviant gekauft hatte. Sie schmeckte scheußlich. Draußen war es schon dunkel, ich verließ das Haus, sah mich um, entdeckte nichts Außergewöhnliches, trottete los. Der Regen hatte aufgehört.

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