18.06.2011 -209-

Was ist denn hier los?! Keiner da? Das Haupttor OFFEN? Schlamperei. Das kommt davon, wenn man die Untergebenen sich selbst überlässt und nur einmal im Monat nach dem Rechten sieht. Franzosen! Sowieso! Gut, dass ich nur ein halber bin und noch dazu von einem Halodri aus den Pyrenäen gezeugt, also eigentlich schon Spanier! Aber lassen wir das. Seit dem letzten Zwischenfall gehen die Lieferungen reibungslos über die Bühne, alles ist vollständig angekommen und wurde tadellos weitergeleitet. Wir haben lückenlose Kopien, fehlt nur noch die Auswertung. Ich koche mir einen Kaffee und mache mich an die Sichtung. Hunger? Ja, auch, jetzt merk ich ihn. Aber ich faste bis zum Abendessen mit Madeleine, doppelter Hunger, ha ha, doppelte Befriedigung. Oh mein Gott.

Telefon, Lydia, wie immer. Kontrollanruf. Ich spiele wie gehabt den Unterwürfigen, ja Schatz hier, wie du willst Liebling da. Sie klingt bestens gelaunt, also ist Honig in der Nähe, dieses erigierte Glied auf zwei Beinen, diese Peniseichel, die sich Kopf nennt. Kein Wort darüber, dass hier alles ausgeflogen ist. Früher Nachmittag, das Telefonat schnell hinter mich bringen, auflegen, durchatmen. Ja, ich bin außer Atem! Atemlos! Dieses ganze verflixte Puzzle setzt sich allmählich zusammen, man erkennt Strukturen, ahnt, was passieren wird! Als erstes nehmen wir uns Griechenland vor. Südosteuropa, kein Schwein achtet auf die Hellenen, diese alten Schummler. Hier treten wir dem Euro erstmals so richtig voll in den Arsch und er wird sich wie ein Schuljunge umdrehen und nicht wissen, wie ihm geschieht. Dann Irland, Portugal, Spanien, Italien, das sollte reichen. Der Euro wird fallen, aber das ist erst der Anfang. Von da an wird’s kompliziert. Zurücklehnen und träumen. Weltherrschaft. Und ich nicht etwa das kleine Rädchen! Ha, die werden sich wundern!

So, jetzt erst einmal das Codebuch aus dem Versteck holen. Trag ich doch nicht bei mir! Und wo versteckt man Sachen am geschicktesten? Ganz offen! Ja, das lernen wir schon bei Poe! Das dünne Quartheft liegt unauffällig zwischen ein paar Kalendern in der Schreibtischschublade. Genialer Code! Jeder hält es für mathematische Formeln, dabei… Jetzt muss ich wirklich lachen, weil ich immer an diesen Engländer denken muss, Brian Moore oder so. Wie man einen Alkoholiker nur zum Kurier machen kann! Ok, er brauchte die Kohle, wer hätte ihn sonst noch genommen. Und für mich war es wie ein Sechser im Lotto, als der Typ im Suff erzählte, er besitze das Codebuch. Gottseidank trug er es bei sich und ich musste es doch an mich nehmen, sonst wäre es nass geworden, als Moore seinen allerletzten Abgang gemacht hat, über die Steilklippe direkt ins Meer. Boah, ich bin heut wieder total zynisch.

Nach zwei Stunden ist immer noch niemand da. Anrufen zwecklos, dieser Hausmeister geht nicht ran. Soll ich mir Sorgen machen? Muss ich mir Sorgen machen? Vielleicht. Aber ich mache mir keine. Wir haben die Konkurrenz unter Kontrolle, die kochen auch nur mit Wasser. Ein paar hübsche taktische Manöver, Unterwerfungsstrategie. So tun, als sei man besiegt und im Geheimen weitermachen. Die brauchen mich. Ich bin der Pizzabote, gewissermaßen, hahaha.

Der Kaffee ist alle, meine Stimmung merkwürdig gemischt. Immer noch Verärgerung, aber dann auch wieder diese Euphorie! Ich muss nur abwarten und im richtigen Moment reagieren. Ich bin ein Schmarotzer, na und? Die anderen machen die Arbeit, sie misstrauen mir nach den blöden Ereignissen mit diesem Lothar und diesem anderen und den geklauten Osterhasen in Lydias Firma. Aber sind doch alle wieder da. Honig hat sie Bruggink persönlich gebracht, warum auch immer. Bruggink. Lydias Firma. Der Chauffeur. Nicht dran denken, mir kann nichts passieren. Keine Beweise. Sie brauchen mich. Auf andere Gedanken kommen, Madeleine anrufen, schon mal eine kleine Portion Telefonsex. Mensch, hab ich Hunger! Mensch, hab ich Lust! Ich bin ein alter Mann, aber ich habe das Gefühl, mein Leben beginnt erst JETZT! JETZT! NEU!

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