16.06.2011 -207-

Frisch gewaschen und rasiert, umgezogen und einen doppelten Wodka aus der Minibar schmatzend: So setzte ich mich vor meinen Laptop und betrat endlich wieder die digitale Zivilisation. Hermine hatte mir gemailt, es war anscheinend der Tag der irren Geschichten, ihre handelte von Mangos und ugandischen Obstschalen, ich brauchte einige Zeit um zu begreifen, was passiert, dass Hermine jetzt arbeitslos war. Ein paar tröstende und aufmunternde Worte, dann erzählte ich ihr meine irre Geschichte in aller gebotenen Kürze, bat sie auch, Oxana und die anderen davon zu unterrichten. Runter ins Foyer, wo Vika schon auf mich wartete. Sie trug, ganz damenhaft, ein beiges Kostüm aus gekämmter Wolle und einen passenden Mantel. Gute Verkleidung für das, was wir vorhatten.

« Jean-Pierre Pacques & Cie. – Marchandises »: Das Firmenschild hätte eine Auffrischung vertragen können, die Farbe blätterte ab. Wir zahlten den Taximann, warteten, bis der Wagen verschwunden war, ließen ein Grüppchen Arbeiter passieren, beobachteten das Gebäude, in dem sich nichts regte, aber das konnte täuschen. Vika vergewisserte sich mit einem Griff in die Handtasche, dass dort die Ersatzpistole einsatzbereit lag. Ich öffnete das Tor, wir gingen auf die Eingangstür zu, ein wenig mulmig war uns schon. „Diesmal niete ich alles um, was bei drei nicht auf den Bäumen ist.“ Meine Begleiterin wirkte finster entschlossen, ich gedachte meiner beschädigten Hoden und schwieg lieber.

Es war der Tag der offenen Türen in den Räumlichkeiten von « Jean-Pierre Pacques & Cie. – Marchandises ». Der Tag auch, an dem die Angestellten frei hatten. Wir inspizierten die Räume des Erdgeschosses, das Lager, einen Waschraum, eine kleinere Abstellkammer mit Putzmitteln und einem gehörigen Vorrat Klopapierrollen. „Ich hab so ein komisches Gefühl“, sagte Vika, die Pistole im Anschlag, als wir die Treppe hinaufstiegen, dorthin, wo die Büroräume sein mussten. Auch ich hatte dieses komische Gefühl, meine Sinne waren konzentriert, ich hörte den Staub durch das Treppenhaus wirbeln, roch, wie im fernen Shanghai eine Bambussprosse erhitzt wurde, um EHEC-Keime abzutöten, sah den kosmischen Äther, der um uns waberte. Oder glaubte es zumindest. Oder fühlte mich so, dass ich es glauben musste. Egal. Wir bemühten uns um Geräuschlosigkeit und stiegen vorsichtig Stufe für Stufe hoch.

Das erste Büro, gleich links, befand sich in einem Zustand, der effizientes Arbeiten ziemlich erschwerte. Aktenordner waren aus den Regalen, sonstiges Papier aus Schubladen gerissen worden und stellte nun auf dem Boden eine deutsche Mittelgebirgslandschaft dar, über die jüngst ein Erdbeben der Japanklasse hereingebrochen war. Der Computerbildschirm lag hübsch zertrümmert dazwischen, die restliche Hardware glänzte durch Abwesenheit. „Hm“, machte Vika.

Das zweite Büro war abgeschlossen, ebenso das dritte. Blieb das vierte und letzte, das Chefzimmer, wie uns ein Schildchen verriet. Die Tür war offen, es bot sich ein Bild, wie wir es aus Büro Nummer eins kannten, mit einem aparten Unterschied allerdings. Inmitten all der geschändeten Akten und Monitorleichenteile lag eine leibhaftige menschliche Leiche, männlich, und diese mit dem, was vom Kopf übriggeblieben war, in einer Blutlache. „Ach du Scheiße“, schnaubte Vika und nahm mir damit die Wörter aus dem Mund.

Es war dies meine dritte Leiche innerhalb kurzer Zeit, nachdem mein vorheriges Leben völlig leichenlos verlaufen war, von denen in meinem Keller abgesehen. Drei Leichen, alle drei männlich. Alle hatte ich kurz vor ihrem Dahinscheiden kurz kennengelernt, wenigstens gesehen. Diese hier auch, obwohl ich mich überwinden musste hinzuschauen. Sie lag auf dem Rücken, was die Sache erleichterte. Ich sah einen großen Raum in grellem, kaltem Neonlicht vor mir, ein Regal mit Gurkengläsern, ein Einkaufswägelchen, eine nervige Frau und einen stoischen, resignierten Mann. Stoisch war er auch jetzt. Resigniert. Erschlagen. Mit einem Wort: mausetot.

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