15.06.2011 -206-

Unweit der Stadt Deauville wurde die Yacht auf den Strand gesetzt. Es war trocken, nicht mehr ganz so kalt, der Himmel blassblau wie die Tinte in Liebesbriefen. Eine Ameisenkarawane, so musste es einem entfernten Beobachter vorkommen, doch wir hofften, es gebe ihn nicht, keinen braven Bürger mit allzeit bereitem Denunziantenhandy, keinen, dem die Sorge um die Reinheit der Rasse und die Unbezahlbarkeit des Sozialstaates jede Nacht so sehr den Schlaf raubte, dass er unruhig am Strand entlang laufen musste, um verdächtige Anlandungen zu gewahren. 77 Sans Papiers, 77 Unerwünschte, 77, deren Wege sich gleich trennen würden. Und drei übermüdete Hanseln nach einem irren Abenteuer. Wir sahen uns um.

„Schön, euch kennengelernt zu haben“, sagte Mohamad Ndaye. Wir hatten ohne viel Worte unsere Barschaften zusammengelegt und bis auf was weniges, dasss wir für die Rückfahrt nach St.Malo brauchen würden, dem Senegalesen zugesteckt. „Und besuch mich mal, wenn du es nach Deutschland geschafft hast“, sagte ich und schrieb ihm meine Adresse auf. „Und im nächsten Leben bitte adoptieren lassen, in die FDP eintreten und Vizekanzler werden“, riet Vika. „Ach“, staunte Ndaye, „ihr geht davon aus, dass es in meinem nächsten Leben noch eine FDP geben wird?“

Unsere Wege trennten sich. Wir trotteten Richtung Deauville, die Gruppe der 77 versammelte sich um Mohamad, man palaverte mit gedämpften Stimmen. Die erste Kurve und alles verschwand wie ein bizarrer Traum. Deauville besaß einen hübschen Bahnhof, drei Gaupen empfingen uns, in der mittleren die Bahnhofsuhr, sie hatte ihren kleinen Zeiger auf der 8 platziert. Wir durchforschten den Fahrplan, stellten unsere Route zurück nach St. Malo zusammen, eine kleine Odyssee, lösten die Billets, hatten noch etwas Zeit und etwas Geld, setzten uns in die Bahnhofsgaststätte um zu frühstücken, schwiegen, die Gedanken irgendwo anders.

Im Zug. Das Gleichmaß der Geräusche, Schläfrigkeit, Wegnicken. Haltebahnhöfe und allerlei französische Vokabeln, die an unseren geschlossenen Augen vorbeiwehten. Immer noch halbwegs blauer Himmel draußen. „Wo ist eigentlich Regitz?“ Ich öffnete die Augen, der Platz mir gegenüber, dort, wo sich der mächtige Alte vor einer Stunde hingesetzt hatte, war leer. „Auf Toilette?“ schlug ich vor. „Ja, vor einer halben Stunde“, relativierte Vika. „Dann hat er sich aus dem Staub gemacht“, schloss ich messerscharf. „Sieht so aus“: Vika, nicht weniger scharf. Sollten wir uns darüber freuen oder traurig sein? Wir waren zu erschöpft, um solche existentiellen Fragen zu beantworten. Vika sagte nach fünf Minuten: „Der Typ hat uns sowieso die Hucke vollgelogen, ich wette, er läuft uns in St. Malo wieder über den Weg. Er hat kein Geld, er muss auf Umwegen in die Stadt zurück, wir werden zuerst dort sein.“ Immerhin hatte er seinen Personalausweis.

Es war Mittag, als wir auf der schon vertrauten Strecke in die Korsarenstadt gelangt waren, der bekannte Bummelzug, junges Volk um uns herum. Der Himmel zog zu, Wind kam auf. Zum nächsten Geldautomaten, auch die EC-Karte hatten die Ganoven Vika gelassen – „na logisch, wo sie doch Ritter des bargeldlosen Zahlungsverkehr sind, oder?“ – ich, der ich solchen Luxus nicht besaß, war nun ein Kostgänger der Detektivin.

In die Altstadt, zu Mittag essen. „Tut mir leid“, sagte Vika irgendwann, „aber sei Oxana nicht böse. Sie hat sich Sorgen um dich gemacht.“ Wie hätte ich Oxana böse sein können? Ich winkte ab. Schon gut.

„Und nun?“ Ich wusste es auch nicht. „Erst mal zurück ins Hotel, bisschen frischmachen, umziehen. Bei Regitz vorbeischauen, ob er schon angekommen ist. Oder nein, sparen wir uns. Ich hätte nicht übel Lust, mir den ominösen Ostermann mal näher anzuschauen. Könnte sein, dass ich noch eine Ersatzwaffe in meinem Zimmer habe.“ Ich nickte. Würden wir brauchen können.

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