14.06.2011 -205-

Die mächtigen Erhebungen des Mont St. Michel als Silhouette in der beginnenden Morgendämmerung. Wir lehnten uns über die Reling, sahen das normannische Wahrzeichen langsam im Schlund des Horizonts verschwinden. „Hier ist nicht gut“, hatte Mohamad Ndaye befunden, „wir suchen uns eine verschwiegene Bucht und landen dort an.“ Weiter? Es zuckte in seinem Gesicht. „Wir denken nur an Gegenwart. Es gibt kein Weiter, wenn du auf der Flucht bist.“

Vielleicht auch kein Zurück, sinnierte ich. Dennoch wollten wir zurück nach St. Malo, selbst Regitz. Er habe noch seine Sachen im Hotel. Die Rechnung sei noch offen, überhaupt: offene Rechnungen. „Was für ein Typ ist eigentlich dieser Firmenbesitzer, dieser französische Oster, der Chef vom Ganzen?“ Das machte Regitz verlegen, bemerkte sogar ich. „Och, so ein alter Franzose halt. Lebt wohl in Paris, ist vor zwei Tagen abgereist.“ „Und wer ist seitdem dein Lehrer?“ Vika hatte den Alten ins Kreuzverhör genommen, Ndaye verfolgte die Befragung amüsiert. Es war ruhig geworden an Bord der Yacht, die man auf den Namen ETOILE getauft hatte, STERN. Die Menschen schliefen unter Deck oder unter freiem Himmel, gegen Kälte jeglicher Art immun geworden. Einige brabbelten im Schlaf, träumten unruhig. Kinder husteten, wälzten sich in zerrissenen Schlafsäcken. Das Meer bewegte sich sacht, der Himmel eine Flaniermeile für in vornehmem Mittelgrau müßiggehende Wolken. Der Mann am Ruder orientierte sich an der Küste, von der uns manchmal Hunde anbellten oder erste Möwen sichteten, noch zu schläfrig, uns klagend in Augenschein zu nehmen und um Brotkrümel anzubetteln. Doch, es war schön. Doch, sehr romantisch. So romantisch wie eine Parkbank, auf der man sich ein Liebesversprechen zulügt.

Nur Regitz fühlte sich unangenehm. Seine Antworten blieben vage, er schaue sich Filme an, lese Bücher. Und dafür habe er jeden Tag in dieser Osterfirma antanzen müssen? Eine Schule oder was? Vika klang nicht überzeugt, ließ nicht locker, Regitz verkrampfte, schwitzte, wandte sich ab, tat so, als studiere er die Endlosigkeit der See. Ndaye und ich gingen ein paar Schritte. „Der Typ ist nicht sauber“, flüsterte der Senegalese. „Weiß ich.“ „Und ihr wollt wirklich zurück nach St. Malo?“ Wollten wir. Vika hatte ihre Handtasche wiedergefunden, in der auch meine Siebensachen und die von Regitz vollständig verstaut worden waren. Nur die Pistole fehlte, was nicht weiter überraschte. Wir hatten Geld, wir hatten Papiere. „Und du, Mohamad? Zurück nach Jersey?“ Er seufzte. „Nee. Wir haben beschlossen, uns zu trennen, wenn wir erst einmal an Land sind. Kleine Gruppen oder einzeln. Jeder ist seines Glückes Schmied. Sagt man bei euch doch, oder?“

Sagt man. Und noch mehr wohlfeilen Unsinn. Wir stiegen über die Schlafenden, drehten eine Runde, rauchten. Wieso er nicht in Deutschland geblieben sei? Ein Theologe und Maschinenbauer, der Sprache mehr als mächtig? „Junge Frau, eine kleine Tochter in Abidjan.“ Ich vermied es, ihm in die Augen zu sehen. „Der Bürgerkrieg. Pogrome. Vergewaltigende und sengende Soldateska. Dicke weiße Franzosen und anderes Gesox in sicheren Hotels, wo man die Fäden ziehen kann. Rohstoffe. Afrika funktioniert nur, wenn es nicht funktioniert. Ist nur profitabel, wenn es hungert. Eine junge Frau. Eine kleine Tochter.“ Das klang wie „Ein Päckchen Kaugummi. Ein Stück Brot.“ Waren, Gegenstände, Verbrauchsgüter. Konsumiert und abgehakt, ausgeschissen, vernichtet, vergessen.

Wir waren zu Vika und Regitz zurückgekommen. Die schwiegen jetzt auch und so lehnten wir über der Reling, die flache Fieberkurve der Küste bewegte sich oder wir bewegten uns, ein dunkler Leuchtturm streckte sich unnütz wie der Zeigefinger eines überforderten Lehrers ins Nichts, ein Felsen, auf dem ein morgendlicher Spaziergänger als beweglicher Punkt zu erahnen war und sich über ein Schiff wunderte, ihm nachsah, sich endlich umdrehte und seinem Frühstück zueilte.

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