13.06.2011 -204-

„Irre Geschichte“, staunte Mohamad Ndaye. Dabei hatten wir ihm nur die Kurzversion erzählt. Er kratzte sich das unrasierte Kinn, zog ein Messer aus der Tasche und band uns los. Muskeln, Sehnen, Knochen, alles tat uns weh. „Hunger!“ jammerte Regitz, „Durst!“ meldete sich Vika, „beides“, vollendete ich. „Jo“, sagte Ndaye, „auf Deck wird gekocht, ich rieche es schon.“

Und wie gekocht wurde. Eine Art Hirsebrei mit Gemüse, in großen Töpfen auf Gasflammen, Insel voller Pfadfingerromantik im dunklen, pfadlosen Meer. Wir schlängelten uns an den Menschen vorbei, das Deck des Schiffes war besser gefüllt als ein Kreisgemeindesaal, wenn Thilo Sarrazin aus den Wort gewordenen Wirrungen seines Hirnimitats liest. Überhaupt, der hätte jetzt hier sein müssen. Unter diesen Menschen, die uns kurze Blicke und ebensolche Lächeln zukommen ließen, ein bisschen müde alles. Jemand, eine Frau in viel zu dünner Kleidung, reichte uns Tonschalen mit Brei und Löffeln, Becher mit heißem Tee standen vor uns, wir hockten im Schneidersitz an den Feuern, unsere Köpfe glühten, unsere Hinterteile froren.

Mohamad Ndaye wies mit der Rechten ins Ungefähre der Nacht, unter der sich die Wasser bäumten. „Da vorne liegt die Normandie. Das Schiff hier ist gut, viel besser als unser alter Kahn. Wir kriegen alle 77 heil an Land.“ Woher sie kämen? Er schüttelte den Kopf. „Jersey. Dort haben sie uns ein paar Lebensmittel gegeben und zurückgeschickt nach Frankreich. Von wo aus wir nach Jersey gefahren waren, nachdem sie uns aus Frankreich nach Jersey geschickt hatten. Wir beklagen uns gar nicht. Alles ziviler als die Reise von Tunesien nach Lampedusa, wo 40 von uns über Bord gegangen sind oder an der Ruhr verreckt. Hier im Ärmelkanal haben wir bisher erst sechs Leute verloren. Westeuropa ist eben sehr viel kultivierter.“ War das Ironie? Selbst Regitz senkte den Kopf fast bis in seine Breischüssel und murmelte „Scheiße“.

Die Yacht lag bedenklich tief. „Nur gut, dass die Jungs mit dem Beiboot abgehauen sind“, sagte Ndaye, „die wollten auf uns schießen, dabei haben wir sie nur nach Trinkwasser gefragt.“ Ich bemerkte, dass Vika aufgestanden und unter Deck gegangen war. Auch mich plagte ein Bedürfnis und so folgte ich ihr. Unten standen sich die Menschen auf den Füßen, eine lange Reihe Wartender vor der einzigen Toilette. „Hallo“, sagte Vika, „da haben wir noch mal Glück gehabt.“

Glück. Vielleicht waren wir gerade zu modernen Ahasvers mit eingeschränktem Bewegungsradius geworden, Menschen, die man für den Rest ihres Lebens unerwünscht zwischen Frankreich und den Kanalinseln pendeln ließ, Heimatlose. Die Ganoven hatten uns die Ausweise, hatten uns alle Besitztümer abgenommen, wir würden ohne große Aussicht auf Erfolg danach suchen müssen. Vika erriet meine Gedanken. „Uns werden sie so ins Land lassen. Wir sind weiß und reden Deutsch.“ Ich nickte. Genau. Weiß, deutsch, feste Wohnsitze, eine plausible Story würde uns auch noch einfallen. Stellte mir die Grenzer vor, sah einen, wie er genüsslich seinen Tee trank, seine Banane aß, darauf bedacht, sein schönes billiges Hemd nicht zu bekleckern, wie er ein französisches „njet“ züngelte, ignorierte, dass diese Menschen für alle die anderen standen, die ihm seinen Tee gepflückt, seine Bananen geerntet, sein Schnäppchenhemd genäht hatten, ohne davon leben zu können, damit er, der Grenzer, hier von seinem Gehalt leben konnte, das er sich damit verdiente, die Leute, die ihm das ermöglichten, ins Elend zurückzuschicken, damit sie weiter… Jetzt würde ich nicht nur zum Pissen aufs Klo müssen, sondern auch noch zum Kotzen.

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