09.06.2011 -200-

Als sei er die unfertige Skizze einer Figur in einem Roman. In einem schlechten Roman, versteht sich, sprich: in einem Krimi. So fühlte sich Moritz Klein, als er erwachte. Mann, mittelalt, muss auf seine Figur achten, ein wenig schlampig, kein Erfolgsmensch, hinter den Weibern her, mit mäßigem Erfolg, aber immerhin. Mehr ist dem Autor – man kann die mediokre Gestalt förmlich über dem Papier schwitzen sehen – noch nicht eingefallen. Eine Stimme hatte Moritz Klein noch nicht. Die Augen nahmen alles wie durch Milchglas wahr. Ein amorpher Charakter, noch in den Anfängen. Nein, die Ohren. Die waren schon fast fertig. Sie hörten.

Wasserbewegungen. Wellen, die gegen irgendetwas krachten, sich brachen, neu formierten, noch nicht genug von Kollisionen hatten. Und weiter hörte Moritz: Jemand schnarchte. In diesem Augenblick, so jedenfalls könnte es sein, trifft der Autor eine folgenschwere Entscheidung. Moritz Klein erinnert sich wieder. Er bekommt eine Stimme. Die er dazu missbraucht, einen langgezogenen Fluch – könnte es das Wort „Scheiße“ sein? – in den Hohlraum seines Schädels zu blasen und durch den ganzen maroden Körper bis zu den Fußsohlen zu pressen.

Was gar nicht so einfach war, mal unter uns. Denn ich bestand praktisch aus zwei gefühllosen Hälften, die um einen Mittelpunkt aus pochendem Schmerz rotierten. Richtig, meine Eier. Dieser französische Drecksack hatte mir reingetreten, das war kurz bevor Vika – Vika? Wo war die? Und Regitz? Den hörte ich schnarchen. Das war unverkennbar Regitz, fett und dröhnend. Aber Vika?

„Vika?“ Mein Gott, wie sich meine Stimme anhört! Joe Cocker, wenn er ganz schlimme Halsschmerzen hat und Angelika Merkel parodiert. Noch einmal: „Vika?“ – „Na, endlich wach?“ Immerhin: Sie war da, ganz in der Nähe, ihr Atem brachte die Härchen in meiner rechten Ohrmuschel dazu, sich zu kräuseln. „Alles klar, Vika?“ Dumme Frage. Ich wollte mich aufrichten, mein Rücken tat weh. Ging nicht. Meine Hände waren gefesselt. „Geht mir genauso“, sagte Vika. Jetzt sah ich sie vor mir: Vika, der dieser Franzose die Knarre an die Schläfe drückte. In gebrochenem Deutsch „keine Problem mach!“ warnte und dann „aller, aller, aller“ befahl.

Sie dirigierten uns zum Turm. Der Franzose hatte seine Pistole von Vikas Kopf genommen und drückte sie ihr jetzt in die Bandscheibengegend. Seine beiden Begleiter nahmen Regitz und mich in ihre Mitte. Abwärts, die Treppe runter. Niemand kam uns entgegen, kein Mensch in der schmalen Gasse, wo schon der Wagen mit laufendem Motor stand, eine grinsende, unrasierte Fresse hinter dem Steuer. „Hinein!“: Es war ein geräumiges Auto, französische Mittelklasse, Familienkutsche, aber fünf ausgewachsene Männer auf dem Rücksitz, das wurde eng. Vika musste nach vorne, neben den Fahrer, diesen Typ Dauergrinser und, wie wir jetzt rochen, Knoblauchfresser. Neben den sich Vika setzen musste, die Pistole des kleinen Hausmeisters hinter ihr in der Seite. So fuhren wir schließlich los.

Und weiter? Was geschah dann? An was erinnere ich mich noch? Der Hafen, okay. Wie wir an Bord einer Yacht getrieben werden, schmale Reling, die fast durchbricht, als Regitz… dann in dieser Kajüte. Man bindet uns die Hände auf den Rücken, der Typ mit der Knarre wird jetzt auch zum Grinser, er kramt in einem Hängeschränkchen, spuckt unverständliche Wörter aus. Spritzen. Er zieht Spritzen auf. „Mir wird immer schlecht, wenn der Arzt pieks macht“, jammert Regitz, aber das hilft ihm nichts. Er ist als erster dran. Der Franzose haut ihm die Spritze in den Oberarm, Regitz verdreht sofort die Augen, klappt zusammen, die beiden Helfershelfer fangen ihm auf, lassen ihn unsanft zu Boden gleiten. Dann ich. Ich spüre den Schmerz nicht einmal, ich bin einfach weg. Dann, anzunehmen, Vika. Jetzt fahren wir über den Ärmelkanal,  das heißt: Ob wir ihn wirklich überqueren, steht noch in den Sternen. Vielleicht nur bis zur Hälfte und dann werden wir Futter für die Fische.

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