08.06.2011 -199-

Das Leben der anderen, das eigene

Ein Handy klingelte. Oxanas Handy. Eine russische Volksweise. Das Geräusch bereicherte die Orchestrierung aus hervorgepressten Lauten der Lust, dem Knarren der Bettstatt, den Schlägen unkontrolliert zuckender Glieder gegen Echtholz und Marxers Keuchen. Sie trieben es. Endlich. Man brauchte nicht viel Phantasie, sich passende  Bilder zu imaginieren, die einzelnen Stationen des Aktes mitzufühlen. Marxer konnte das. Es war sogar das, was er am Besten konnte. Mitfühlen. Das Handy gab es auf. Wo mochte es liegen? Auf dem Nachttisch? Unter hastig auf den Boden geworfener Wäsche? Ja, genau, es hatte ein wenig dumpf geklungen.

Die Geräusche schrillten in seinem Gehirn. Glücksspielautomaten hatte Borsig nie gemocht, zu laut, zu marktschreierisch, zu bunt. Und man konnte nur verlieren. Wie Katharina jetzt. Sie lachte dabei. „Hey, jeder Euro, den ich hier verlier, den verliert mein Alter! Is doch geil, was?“ Was daran geil sein sollte, ging über Borsigs Horizont. Nein, doch, ja klar: Das war etwas Tiefenpsychologisches, die Rache einer Tochter an ihrem Vater. Sie erriet seine Gedanken. „Jo, der Alte soll bluten. Weißt du, was er mit meiner Mutter gemacht hat? Abgeschoben, als sie über 30 war! Der alte Sack! Und seitdem mit Jüngeren in die Federn. Mich hat er quasi der Mama abgekauft, ich bin der fleischgewordene Beweis seiner Manneskraft. Nur gut, dass ich ihn kaum sehe. Immer unterwegs, die Sau.“

„Aha“, sagte Borsig vorsichtig. „Ich hab ja bisher noch nie mit ihm zu tun gehabt. Der Johann hat mich eingestellt. Aber wenn er unterwegs ist, wieso fahre ich ihn dann nicht?“ Katharina jauchzte. Wieder verloren. „Weil er das Flugzeug genommen hat. Auf die Kanalinseln, glaub ich, Jersey oder so. Dahin, wo die Briefkastenfirmen und die Banken sind. Wir leben nämlich von dubiosen Geschäften, falls du das noch nicht gemerkt hast.“ Interessant, dachte Borsig und sah zum Nachbarautomaten, an dem sich Jonas und Laura mit Katharinas Geld vergnügten.

Nein, auf den Höhepunkt würde er verzichten. Sollten sie sich ungestört vergnügen. Er richtete sich auf, rieb sich das Ohr, schlich auf Socken über den Flur, in sein Arbeitszimmer, machte leise die Tür hinter sich zu und „puh!“

„Puh!“ Die Zwillinge sahen sich an, nickten sich dann zu. „Na, Schatzi, ist doch kein Ding. Du arbeitest ab sofort bei uns im Service, mit den Alten hier kommst doch prima klar. Is was anderes als bei Aldi das Kassenmäuschen spielen. Zieh dir was Flottes an, das merkst dann an den Trinkgeldern.“ Daran hatte Hermine auch schon gedacht.

Daran hatte Irmi gar nicht gedacht. Den Rainer hätte sie nach diesem komischen Konsul fragen müssen, aber was heißt schon komisch. Alles war doch komisch. Leute, die Anfang Januar angeblich auf dem Feld arbeiteten, moderne Einbauküchen und Espressomaschinen, die gegen Kartoffeln getauscht wurden, ein angeblicher Graf Strontium und seine wie ein wertvoller Schatz auf Jersey vergrabenen Unterlagen. Sie war wieder in der Stadt angekommen, sie musste schnell in die „Bauernschenke“; ihr Quantum Eierlikör tanken. Hermine? Noch eine komische Geschichte. Aber fand sie gut. Hier war es doch besser als beim Aldi und die Nummer mit den Mangos hatte was. Die Zwillinge waren nicht mehr da, eigentlich war doch Ruhetag heute, aber für Irmi machte man gerne eine Ausnahme. „Setz dich, Schatz, trink einen mit. Hat sich Moritz schon gemeldet?“

Fragte sich Oxana unter der Dusche. Langsam kam sie zu sich, der orgiastische Zustand, der über den eigentlichen Anlass hinausgegangen war, ebbte langsam ab. Ebbte. Ab. St. Malo. Vika. Sie hätte vorhin ans Handy gehen sollen, klar, aber man geht nicht ans Handy, wenn man gerade… Gleich anrufen, noch nackt, noch nicht ganz trocken. Klingeln lassen. Melde dich, Vika. Vika meldete sich nicht.

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