07.06.2011 -198-

Das Leben der anderen

Während sich in St. Malo die Ereignisse zuspitzten, als hingen sie an einem Kliff, und Irmi nach einer ermüdenden Stunde Führung durch die geldlose Kommune Antonio Gramsci an Eierlikör dachte und nichts als Eierlikör, hatte Jonas das uralte Problem der Geldlosigkeit für sich gelöst. Wenn auch nicht zu seiner Zufriedenheit. Er war pleite, soeben sagte das letzte Eurostück im Einwurfschlitz des Spielautomaten leise Servus, Laura drückte ganz fest die Daumen, aber, da Frauen sowieso Unglück bringen, ohne Erfolg. „Ich hab noch nen Fünfer“, sagte Laura, „aber ich hab auch Hunger.“ Jonas seufzte. Frauen brachten nicht nur Unglück, sie waren auch noch total egoistisch und verfressen. Aber na schön. Sie verließen den Salon, um gleich durch die nächste Tür zu verschwinden, wo Kaffee und belegte Brötchen zu zivilen Preisen warteten. Andere hätte, wer hier einkehrte, auch gar nicht mehr bezahlen können.

„Na, ihr Zwerge, ausgezockt?“ Katharina Bruggink zwinkerte Borsig schelmisch zu. Der nickte nur wissend und zwinkerte seinerseits Jonas und Laura schelmisch zu. Eine einladende Handbewegung Katharinas, schon hockten Jonas und Laura am Tisch. Sehr ruhig im Raum, bankrotte Zocker reden nicht viel. Sie grübelten und mampften billige Schnitten, tranken billigen Kaffee und suchten nach dem Kaffeesatz, der ihnen die Zukunft voraussagen konnte, von der man schon wusste, sie konnte nur noch besser werden, doch damit war nicht zu rechnen.

„Hol uns mal vier Pötte von dem schwarzen Zeug, BO“ – BO! Irgendwann dreh ich dir den Hals um, Tusse, dachte BO grimmig – „und ein Dutzend heiße Wiener und Wecken und so. Du machst das schon.“ Steckte ihm einen Fünfziger in den Arschsack, BO trollte sich.

„Das ist unser neuer Chauffeur. Endlich mal einer, dem meine Titten egal sind.“ Jonas schaute verwirrt. Dem? Egal? Er begann Borsig zu bewundern. Dachte an die Silvesterparty und wie diesem BO alles mögliche egal war, nur nicht die hervorstehendsten Teile des anderen Geschlechts. Aber wurscht. Er hatte andere Probleme, massive Geldprobleme. So lange er eine Mutter hatte, die Geld verdiente, würden sich die lösen lassen.

Wenn man frei ist, sich diese Freiheit jedoch durch zukünftige Armut erkaufen muss, dann ist das wie Süßsauer beim Chinesen. Hermine fühlte sich gut, sie fühlte sich mies. Hatte ihr Zeug aus dem Spind geholt, sich von den Mädels – die alles mitbekommen hatten – knapp verabschiedet, war auf die Straße gewankt und von dort Richtung Heimat. Während sie ihr Freisein genoss, dachte sie daran, wo man es am besten wieder aufgeben könnte. Ein neuer Job musste her, dringend, in der Discounterbranche wäre sie ab sofort verbrannt, denn so etwas wie die Nummer mit den Mangos und den Obstschalen sprach sich herum. Aber egal. Nach Hause, erst einmal durchatmen, dringend jemanden anrufen, dem man Freud und Leid klagen konnte. Oxana? Irmi? Die Mädels aus der Kneipe? Moritz war ja nicht da, meldete sich auch nicht. Sie schaltete sofort den Rechner ein, keine Nachricht von ihm. Telefonieren.

Bei Marxer meldete sich niemand, auch Irmis Telefon ließ endlos läuten. Die Mädels. Endlich hob jemand ab, Monika. „Klar, Schatzi, komm vorbei, wir sitzen grad über den Abrechnungen, aber dauert nicht mehr lang.“ Hermine stand auf, zog sich wieder an. Freiheit!, flüsterte sie laut. Arbeitslosigkeit!, echote es brüllend zurück. Von irgendwo her lachte es, hallte, wurde zum Tinnitusgeräusch. Arbeitslosigkeit! Prekariat! Scheiß drauf, sagte Hermine laut und machte sich auf den Weg zu den Sisters.

„So, Bruder BO, was bistn du für einer?“ Jonas spielte seine Rolle gut. Tat so, als kenne er den Typen nicht. „Ja“, sagte Katharina, „erzähl mal paar Schwänke aus deinem Leben, Alter! Warst doch bestimmt schon in vielen Häusern Chauffeur, da erlebt man was. Hast schon mal die Chefin genagelt? Bist wirklich impotent? Oder doch schwul? Oder stehst nur auf Faltentanten? Erzähl halt!“ BO ließ einen resignierten Schwall Luft aus den Lungen. Und erzählte halt.

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