06.06.2011 -197-

Gesunde Kühe, gesundes Federvieh. Vor lauter Daseinsglück japsende Ferkel, blitzsauber geduschte Salatgurken garantiert ohne EHEC-Bakterien, eingelagerte Kartoffeln, Gläsermeere mit Eingemachtem. „Und das tauscht ihr alles? Mit wem denn?“ Irmi war schwer beeindruckt und Rainer blinzelte stolz ins Blaue, das wie ein Kitschpanorama durch die Fenster in den Kuhstall leuchtete.

„Jo, ich will ganz ehrlich sein: Es gibt hier in der Nähe eine Tauschzentrale. Haben clevere Leutchen aufgezogen, keiner machts unter BWL-Studium und Auslandsaufenthalt und Master of Economy. Dort melden wir das, was wir anzubieten haben und das, was wir gerne dafür haben möchten. Die regeln das und kriegen ihre zehn Prozent.“ Irmi schüttelte den Kopf. „Und die Protzküche? So was haben die auch im Angebot?“ „Nee“, lachte der Rainer, „das ist über persönliche Beziehungen gelaufen. Irgendso ein Möbelheini hat Bankrott gemacht und sich plötzlich drauf besonnen, doch mal alternatives Landleben auszuprobieren. Küche gegen Kuh. Ganz einfach.“

Ganz einfach würde es nicht werden, von hier zu verschwinden. Da vorne eine Art Turm. Weit und breit keine Menschenseele, was Regitz nicht verwunderte. Es wehte aufmüpfiger Wind durch eiskalte Luft, sah nach Schnee aus, außerdem weitab der Touristensaison. Und welcher Malois spazierte schon freiwillig über den Stadtwall? Also nur sie: die Kleine mit der Kanone, Klein mit der Hodenquetschung und er, Regitz, dem das Wasser bis zum Hals stand, wozu er nicht aufs Meer zu blicken brauchte, um sich die Konsequenzen auszumalen. Graf Strontium war tot, „aber seine Pläne, wisst ihr, die geistern noch heute durch die Zirkel. Es heißt, der Botenjunge habe die wichtigsten Unterlagen nach Jersey gerettet und dort vergraben. Seit gut 200 Jahren sucht man sie dort, allerdings ohne Erfolg bisher.“ Vika und Klein wirkten langsam genervt. „Mach mal Butter bei die Fische“, forderte die Frau Regitz auf, aber der hatte keine Butter mehr. Konkretes ausplaudern? War er bescheuert? Nein, er musste verschwinden. Am besten auch aus St. Malo, aber nicht zu weit weg. Wieder Kontakt zu den anderen aufnehmen, wenigstens ein warmer Geldregen müsste doch drin sein. Einmal im Leben reich, das wäre es doch.

„Sei mir nicht böse, Rainer, aber eure Tauscherei ist doch eine ziemlich exklusive Veranstaltung, ja?“ Der Rainer war nicht böse. „Hast schon recht. Nur die reichen Leute können es sich leisten, ein Leben ohne Geld zu führen. Die Dialektik der Vision, wie ich zu sagen pflege.“ „Hm“, machte Irmi und streichelte Mathilde, „1A Milchkuh, Jersey-Linie. Du kennst vielleicht die berühmte Jersey Cow?“ Nein, kannte sie nicht. Sagte: „Ihr seid also die harmlose Variante der Geldlosigkeit. Ihr setzt auf sukzessive Ablösung, das Geld wird irgendwann obsolet und dann… Aber es gibt doch auch eine aggressive Variante, ja? Die des Grafen Strontium. Lebt die noch immer?“

Jetzt wurde der Rainer ernst. Kratzte sich am Kopf, machte „tjatjatja“. Streichelte seinerseits Mathilde, die ein „Muh“ spendierte. „Gibt es, Kerstin. Idioten, Verblendete, die die Welt ins Chaos stürzen wollen. Denen geht es gar nicht um die Ablösung der Geldwirtschaft, im Gegenteil. Denen geht es um Macht und GELD. Seit über 200 Jahren sucht man auf Jersey nach den Aufzeichnungen des Grafen Strontium und seiner Helfershelfer, keine Ahnung, ob man schon irgendetwas entdeckt hat. Aber diese Leute sind überall. Sie lassen auch unsereinen nicht aus den Augen. Sie haben ihre Verbindungen bis hinauf in die höchsten Kreise. Sie tauchen eines Tages auf – und dann gute Nacht.“

Sie tauchten einfach so auf. Die beiden Jungs, die Moritz Klein festgehalten hatten in der Firma, sie standen plötzlich vor ihnen. Grinsten, lehnten sich an die Wand des Turms, sondierten die Lage. Keine Zeugen. Perfekt. Und Maurice Filliac? Vika tastete vorsichtig nach ihrer Handtasche, ganz langsam. Hörte sie es hinter sich atmen? Sie hörte es. Wollte sich umdrehen, tat es halb. Genug, um Filliac zu erkennen, dessen schiefe Fresse hämisch grimassierte. Genug auch, um die Waffe in seiner Rechten wahrzunehmen.

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