05.06.2011 -196-

Vika und die beiden Männer hatten inzwischen das Café verlassen. Klein, noch immer wortkarg und verwirrt, Regitz, noch immer wortreich und verwirrt. So bummelten sie auf der großen Mauer um die bezaubernde Stadt St. Malo, unter dem hellgrauen bretonischen Himmel, unter der lautstarken Selbstinszenierung kreischenden Möwenpacks, das wider die unruhigen Wasser intonierte und seine Scheiße über den Köpfen der Flanierenden ablud. Regitz redete sich in einen Rausch. Er war kurz davor zu glauben, was er da erzählte.

Der Rainer hatte sich erhoben. Die Angelika und die Luzi waren längst – einen taxierend hämischen Blick auf Irmi zurücklassend – wieder „aufs Feld“ gegangen, der Konrad hockte noch immer am Tisch, in nostalgischer Erinnerung an Brokdorf, Kerstin und garantiert rückstandsfreien Sex versunken. „Komm mal, Kerstin“, sagte der Rainer, „ich zeig dir unser Projekt und erzähl dir dabei noch etwas über die Geschichte des Grafen Strontium.“ Irmi nickte, ihre Knochen protestierten beim Aufstehen. Auch der Konrad tat dies jetzt. Manövrierte sich an Irmis rechte Seite, flüsterte ihr ins Ohr: „Und das mit dem geplatzten Präser war echt kein Malheur? Ich meine, keine Alimente und so?“ „Nee“, flüsterte Irmi zurück, „ich hab die Zwillinge abtreiben lassen. Kein Ding.“ Konrad wurde aschfahl und murmelte: „Jo, war wohl besser so. Kannst doch keine Kinder in diese beschissene kapitalistische Welt setzen, nä?“

„Ja, beschissen“, seufzte Regitz. „Robespierre stand den Ideen des Grafen Strontium mit großer Sympathie gegenüber. Wenn die Menschen kein Brot mehr haben, weil sie sich keins mehr kaufen können, weil sie kein Geld mehr haben – na, dann werden sie eben Kuchen fressen und alles wird gut sein! Nach dem Sturz Robespierre jedoch übernahm das 1. Direktorium am 9. Brumaire des Jahres 4, sprich 1795, die Regentschaft und eines der Mitglieder dieser neuen Regierung, ein gewisser Barras, entpuppte sich als Knecht des Kapitals und wurde zu Strontiums ärgstem Widersacher. Dem er letztlich chancenlos ausgeliefert war. Am 12. Fructidor des Folgejahres stürmte nächtens ein Bataillon Revolutionsgarden das normannische Schloss“

„des Grafen“, sagte der Rainer, nicht ohne ein gewaltiges Seufzen zulassen zu müssen, „und verhaftete die dort Anwesenden, neben Strontium selbst praktisch die Geistesgrößen der Nation, die Vordenker, die Visionäre und alles Schlosspersonal. Nur einer, so jedenfalls geht die Legende, entkam, ein Botenjunge namens Le Pernac, er flüchtete auf einem Fischerboot über den Ärmelkanal auf die Insel Jersey, einen Teil der Aufzeichnungen mit sich führend, die Strontium und die Seinen inzwischen erarbeitet hatten.“

„Die Geschichte endet“, fuhr Regitz fort und wunderte sich, wie leicht es ihm fiel, Geschichtsfälschung zu betreiben, „damit, dass Strontium und der Rest der Ostergesellschaft nach Paris verbracht, dort eingekerkert und peinlich verhört wurden, bevor, knapp zwei Wochen nach ihrer Verhaftung, 27 Köpfe – und zwar die besten! – in den Korb unter der Guillotine fielen.“

„Und in den Körben hier sammeln wir die Kartoffeln!“ Der Rainer wies auf einen Berg in Handarbeit geflochtener Behältnisse in einer Ecke des Stalles, der jetzt als Lager diente. „Aber komm mal mit, ich zeig dir die Kühe.“

„Blöde Kuh“, dachte Regitz. Denn Vika hatte lauthals gegähnt und gesagt, das sei alles gut und schön, aber genug mit dem historischen Firlefanz, jetzt interessiere sie das Hier und Jetzt, aber pronto. Auch Klein hatte seinen Unmut über Regitzens Auslassungen kopfnickend kundgetan. Der so Gemaßregelte blickte sich vorsichtig um. Sie waren alleine auf der Mauer, es war windig, ungemütlich, unheimlich. Er musste hier verschwinden. Sofort. Irgendwie. Diskret, wenn es ging. Vika und Klein ganz locker von der Mauer stoßen? Nein, ein Mörder war er nicht. Fersengeld geben? Er grinste in sich hinein. Wie das wohl in einer geldlosen Gesellschaft heißen würde? Nein, nicht grinsen, zusammenreißen. Sich was einfallen lassen. Es wurde brenzlig.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s