04.06.2011 -195-

Regitz schwitzte, obwohl die Temperaturen im Café, draußen gar, ihre Hände, so sie welche gehabt hätten, in eiskalter Unschuld wuschen. Prima, dachte der Alte, ich hab welche, also wasche ich sie mal fleißig. Vika war ungeduldig geworden. Aber was konnte ihm hier passieren? Nichts, oder? Es überraschte ihn, dass er dennoch mit der Möglichkeit rechnete, sie werde ihre Knarre auspacken und ihn coram publico umnieten.

„Na, ich bin ein wissbegieriger Mensch. Gelt, Moritz?“ Der nickte tatsächlich, wenn auch nicht mit der gewünschten Inbrunst. „Ich wollte eben alles wissen über dieses Geldlosgedöns, das war so eine Art Volkshochschulkursus, ja? Sie haben mir das ganz en détail verklickert, wie der Franzose sagt, also wie das angefangen hat. Keine neue Idee.“

„Fürwahr“, schmunzelte der Rainer und produzierte eine mächtige kubanische Rauchwolke, „neu ist das nicht. Die Idee von der Abschaffung des Geldes ist uralt. Die Inkas kannten kein Geld, bis die spanischen Eroberer es ihnen brachten – und leider noch vieles mehr. Zum Fundus der Ideen des Anarchismus im 19. Jahrhundert gehörte die Vision vom Verschwinden des Geldes natürlich auch, den ersten ernsthaften Versuch wagte man jedoch schon zur Zeit der großen Französischen Revolution. Und hier begegnen wir zum erstenmal dem Namen des Grafen Strontium.“

„Tja“, schmunzelte Regitz, „scheiß Name, ne? Soll so ein illegitimer Spross eines russischen Fürsten und einer französischen Landadeligen gewesen sein, nichts genaues weiß man nicht. Nannte sich später Bürger Nicolas Strontium, von wegen Guillotine und so, da war man als Adelsnamenträger quasi in der höchsten Risikogruppe. Unser Strontium aber war so ein richtiger Hardcore-Revoluzzer, der hatte schon vor der Revolution eine Kommune auf dem Landsitz seiner Familie aufgemacht,“

„die Commune antimonetaire“, näselte der Rainer in perfektem Fastfranzösisch. „Und das war eben nicht nur Tauschgeschäft, was wir hier so machen. Strontium hatte eine politische Idee, er war ein Theoretiker und Umstürzer. Das lag ihm im Blut gewissermaßen und die Revolution war sein Podium.“

„Podium, ja.“ Regitz zündete sich eine Zigarette an. „Also der Grundgedanke war ungefähr folgender: Geld lässt sich nicht so einfach abschaffen. Die Menschen sind halt dumm. Du brauchst immer eine Katastrophe, den großen Crash, siehe Atom, siehe Umwelt. Das wusste auch Strontium. Er versammelte die klügsten Köpfe seiner Zeit um sich und gründete – am Morgen des Ostersonntag 1790 – die sogenannte Ostergesellschaft. Ihre Aufgabe sollte es sein, die Geldwirtschaft zum Kollabieren zu bringen, das Land dadurch in unvorstellbares Elend zu stürzen, um auf den Trümmern des Desasters die neue Ordnung einer Gesellschaft ohne Geld zu errichten.“
Sogar Klein machte „pffffff“. Klang aber auch gut, was sich Regitz da aus den Fingern gesaugt hatte. Schon der Name Strontium! Zu abgefahren, um erlogen zu sein. Wer hieß schon Strontium? Weiter im Text. Regitz drückte die Kippe aus.

Der Rainer drückte den Stumpen aus. „Wenn du die ganze Geschichte wissen willst, kann ich dir gerne ein Buch mitgeben, Kerstin.“ Der Konrad, der Irmi bisher kaum beachtet hatte, sah bei der Namensnennung nun genauer hin und verschluckte sich fast am Zigarrenrauch. „Mensch, Kerstin, bist du das? Weißte noch Brokdorf? Wie sie uns geräumt haben, die Bullenschweine?“ Irmi lächelte. Sie war nie in Brokdorf, war doch ihre Hedonismusphase gewesen damals, Hochklimakterium, abtanzen, one-night-stands. „Klar Konrad, jetzt erkenn ich dich erst! Wie geht’s denn so?“ Konrad grinste verschmitzt. „Na wollt ich dich fragen. Immer noch so gut drauf?“ Diesen Blick kannte Irmi. Schlafzimmerblick. Wer auch immer diese Kerstin gewesen war, sie musste ein besonderer Feger gewesen sein. Lieber ablenken. „Und was wurde aus diesem Strontium, Rainer?“

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