01.06.2011 -192-

Mittagsruhe

„Mensch, Kerstin!“ Kerstin? Er verwechselte sie. Was Irmi nicht sonderlich überraschte. „Der Rainer“, ehemals Baron zu Wittgendorf, hatte sich schon immer durch eine souveräne Orientierungslosigkeit ausgezeichnet, Folge von Inzucht und Inzest auf hohem Niveau, Großmuschelbach the noble way, kicherte Irmi in sich hinein. Das hatte eine Verblödung gezeitigt, die durchaus liebenswert war und sogar positiv auffiel unter all der Verblödung, für die man heutzutage nicht mehr mit der Cousine ins Bett zu gehen brauchte, sondern einfach nur der Fernseher einschalten musste. Und was sah man dort? Adelshochzeiten. Jau.

Mit dem ererbten Geld hatte der Rainer diesen alten Bauernhof erworben, um fortan die Geldlosigkeit zu propagieren. Irgendwie ein Widerspruch in sich? Irmi wagte keine Antwort. Zunächst hatte die Vision unter dem Namen „Kommune Bakunin e.V.“ firmiert, der Vereinsregistereintrag eine subversive Handlung à la Langer Marsch durch die Institutionen. Bis der olle Anarchist in weltanschauliche Ungnade gefallen und von Antonio Gramsci abgelöst worden war.

Es roch nach Kuhdung, Duftkerzen und der Abwesenheit eines gemütlichen Badezimmers. Der Rainer, dessen Aussehen schon immer an Karl Marx erinnert und mit den Jahren um helmutkohlsche Fettleibigkeit ergänzt worden war, führte Irmi in das Innere des Hauses, eine großzügige, überraschenderweise mit modernsten Geräten ausgestattete Küche, deren Mittelpunkt ein schwerer Holztisch bildete, von dessen einem Kopfende das andre nur unter Zuhilfenahme eines Fernglases erkennbar war. „Setz dich doch, Kerstin. Die anderen sind noch bei der Feldarbeit, aber die kommen gleich zum Essen. Du bleibst natürlich als unser Gast!“

Verdammt, wer war diese Kerstin, die ihr so zu gleichen schien? Kannte sie eine? Sie kannte viele Kerstins. Antiautoritärer Kindergarten Ludwig Marcuse, da hatte es doch auch eine Kerstin gegeben. Die irgendwann Lorenz geheiratet hatte, Erzieher und Physiotherapeut und Anhänger Wilhelm Reichs, letztes Jahr in der Zeitung, fatale Neigung zu kleinen Jungs. Oder doch jene Kerstin, mit der sie Anfang der Siebziger nach Goa getrampt war, diese kleine Wuschelige, zu doof einen Joint zu drehen? Nein, glichen ihr beide kein bisschen.

Der Rainer ließ sie Platz nehmen und machte sich an einer Espressomaschine zu schaffen, die wenigstens einen Tausender gekostet haben musste. „Haben wir gegen Kartoffeln getauscht“, bemerkte der Rainer. „Wir tauschen ja nur. Ich weiß gar nicht, wie das neue Geld aussieht, dieses Eurozeug.“ Werden wir bald auch nicht mehr wissen, wenn erst wieder die D-Mark eingeführt ist, dachte Irmi. Sie stellte sich vor, wie viele Doppelzentner Erdäpfel notwendig gewesen waren, um sie im Tausch in eine Espressomaschine zu verwandeln. Musste ein prima Kartoffeljahr gewesen sein.

Also Espresso war der Franzosen Ding nicht. Milchkaffee, das kriegten sie einigermaßen hin. Aber sie hatten nun einmal Espresso bestellt, „trois Stück“, wie Klein unter Schmerzen hervorgebracht hatte. Größere und grausame Sache, sich auf den Stuhl des Cafés zu setzen. Moritzens Hoden musste inzwischen die Größe jener Bälle haben, mit denen Herr Nowitzki seinem Broterwerb nachgeht.

„Schieß los“, sagte Vika an Regitz gewandt und der verzog in frischer Erinnerung an die auf ihn gerichtete Pistole schiefmichelgrinsemäulig die Visage. Losschießen. Musste er wohl auf dem schmalen Grat zwischen Dichtung und Wahrheit wandeln, auf Goethes Spuren also. „Und glaub nicht, du könntest mich verarschen“, fügte Vika lässig hinzu. Merkwürdigerweise glaubte Regitz das wirklich nicht. Eine bisher unbekannte Beklemmung ergriff ihn. Er sah zu Klein hin, der sah zu Vika hin und dachte: Was ist nur aus der naiven Frau geworden, die ich gestern kennengelernt habe. Dann aber meldete sich sein Unterleib wieder und lenkte alle Gedanken auf sich.

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