31.05.2011 -191-

Versuchungen

Der Versuchungen im Leben eines Mannes sind viele, allzu viele. Sie kreisen, wie einst von Annette Humpe besungen, um „Sex und Geld, Sex und Geld“, beides Instrumente von Macht und Unterwerfung, Knipser, mit denen man die anerzogene Zivilisiertheit ausschaltet, um im Dunkel der Urinstinkte auf Beutezug zu gehen. Widersteht! Oder, um es mit den Worten der Jugendlichen zu sagen, die auf spanischen Marktplätzen gegen die Korruption ihrer Regierung und das dreiste Gebaren der Finanzhaie revoltieren: „No pasaran!“

Borsig war des Spanischen nicht mächtig. Er war ohnmächtig in allen Dingen, er besaß also keine Macht, außer über sich selbst, als Katharina Bruggink, nur mit einer leisen Ahnung von Höschen bekleidet, den Vorhang der Umkleidekabine so raffiniert verschob, dass Borsig der männlichsten aller Versuchungen, der Fleischeslust, ausgesetzt wurde. Der Chauffeur aber widerstand, wenn auch schweren Herzens und, Schande, auch immer schwereren Gliedes. Er reichte die gewünschten Anprobestücke – edelste und transparenteste Materialien, welche man zu Strapsen, Büstenhaltern und Slips verarbeitet hatte – blind in die Kabine, den Kopf schicklich wegdrehend. „Gucken Sie mal, der String ist am Arsch nicht zu gewagt, oder?“ Borsig guckte nicht. Sagte nur „nö“ und vertiefte sich weiter in den schon leicht angegilbten Rauputz der nackten Wand zur Linken, anstatt in die frische Pfirsichhaut der fast nackten Katharina geradeaus. Bin ich jetzt ein Held?, fragte sich Borsig. Du bist ein Dummbeutel oder schwul wie Winnetou, echote die hämische Antwort aus Abermillionen Männermündern.

„Aaaaaargh“, echote es aus einem Männermund, als 36 ugandische Obstschalen, Gipfel eines erschütterten Monuments deutscher Konsumgewohnheiten, mit Krachen, Splittern und anderen Geräuschen endgültiger Dekadenz die Fliesen des Lagerraumes erreichten. Der Filialleiter war außer sich. Er kämpfte gegen die Versuchung, Hermine bis zur Bewusstlosigkeit und darüber hinaus zu würgen, eine temporäre RTL-Berühmtheit wäre ihm sicher, ein paar BILD-Schlagzeilen, ein paar Jahre Knast – aber er beherrschte sich. Nachdenken, Mann. Mach eine win-win-Situation daraus, generiere Synergieeffekte, verhalte dich wie ein Kaufmann an der Schwelle zur kapitalistischen Neuzeit.

Denn, mal unter uns: Wer ist diese Hermine? Eine Frau über 40, gut erhalten, das wohl, aber, jetzt kommt’s: festangestellt! Die Erkenntnis durchzuckte ihn wie Einstein die allgemeine Relativitätstheorie: Fest. An. Gestellt. Eine Dinosaurierin im Lande der 400-Euro-Tierchen, eine mit Arbeitsrechten gepanzerte anachronistische Echse, ein Affront gegen die Gesetze der Globalisierung, ein Klotz am Bein der Aktionäre, der Wasserskifahrer auf dem großen See der Arbeitnehmertränen. Jetzt war man sie los. Sabotage. Den Filialleiter übelst beleidigt, Zeuginnen würden sich leicht finden, keine Sorge. Und wer hatte all das geschafft? Ohne dass ein sozialromantischer Arbeitsrichter etwas würde dagegen unternehmen können? ER! ER! Schon sah er sich im Angesichte des Bezirksleiters, von seiner Idee erzählend, die zu teure Hermine loszuwerden. Und der Bezirksleiter nickte, betrachtete ihn plötzlich als „einen von uns“ – der Filialleiter lächelte. Hermine starrte ihn an. Warum lächelt der? „Sie sind entlassen, fristlos, versteht sich.“ Das war Hermine klar. Sie drehte sich um und ging in den Aufenthaltsraum, zu ihrem Spind.

Die spinnt, dachte Regitz. Sein Steiß schmerzte. Was hinderte ihn daran, sie umzubringen? Sie befanden sich auf menschenleerem Areal, irgendwo zwischen dem hässlichen und dem hübschen St. Malo, Klein würde er bei dieser Gelegenheit auch vom Leben zum Tod befördern – die Versuchung war riesengroß, also was hinderte ihn daran? Die Angst. Wer immer dieser Frau auch war, sie war ihm überlegen – und nichts hasste Regitz mehr als Frauen, die ihm überlegen waren. Es war das alte Spiel der Geschlechter, das alte Spiel der Versuchungen, der Reviermarkierung. Aber Regitz sah sich nicht imstande, das Bein zu heben, seine Duftmarke zu setzen. Alles tat ihm weh.

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