29.05.2011 -189-

Die Männer im Raum waren inzwischen einem Zustand der Erstarrung anheim gefallen, wie ihn nur eine Rede der Bundeskanzlerin oder eine geladene und offensichtlich arbeitswillige Schusswaffe bewirken können. Die beiden dunklen Burschen hatten mechanisch die Hände gehoben, der Hausmeister sein Fluchen vorübergehend eingestellt, Regitz stand vor dem Stuhl und Moritz Klein kauerte auf den Knien, die Hände an den von der Gewalt heimgesuchten Genitalien.

Meine armen Eier, dachte der Filialleiter. Gleich wird sie mir reintreten. Doch Hermine neigte nicht zum physischen Vandalismus gegen Einfaltspinsel und ihren Besamungsapparat. Zumal es ihr prinzipiell undankbar erschien, männliche Gehänge zu zertrümmern, denen sie – als Ganzes betrachtet – durchaus Augenblicke des Entzückens verdankte. Sie hatte eine Kiste mit Mangos im Visier, den exotischen Klimbim kaufte eh kaum jemand und am Ende würde doch das meiste davon bei der „Tafel“ landen und in den Mägen von Sozialschmarotzern verschwinden. Die Kiste war deshalb interessant, weil sie das Fundament eines ziemlich labilen Turmes bildete, dessen höchsten Punkt eine Kiste mit dem aktuellen Wochensonderangebot einnahm, „Formschöne Obstschalen aus ugandischem Kristallimitat mit aufgeprägtem Relief eines Eingeborenenkrals, 14 Euro 25, 25 Cent für die Welthungerhilfe“. Ein gezielter Tritt gegen die Mangokiste – und dann mal schauen, was passiert.

Einige quälend unvergängliche Momente lang passierte gar nichts. Das konnte nicht so bleiben und Vika, die Pistole auf Regitz gerichtet, rief Klein zu, er solle seine Hodenschwellung Hodenschwellung bleiben lassen, den Arsch lüften, aufstehen und herkommen. Klein versuchte es. Er war mehr als verwirrt. Von den Schmerzen, der unvermutet aufgetauchten Vika, von allem eben. Breitbeinig schwankte er zur Pistolenfrau, darum bemüht, nicht in die potentielle Schusslinie zu kommen. An deren fatalem Ende harrte immer noch Regitz, in dessen Kopf es arbeitete. Bliebe er hier, wäre ihm die Wut von Filliac und Konsorten gewiss. Also spontaner Entschluss: „Nehmt mich mit, Leute, ich bin doch auf eurer Seite.“ Blödsinn, aber es verfehlte seine Wirkung nicht. Eine Sekunde lang war Vika unschlüssig. Dann nickte sie und wies mit einer knappen Kopfbewegung Richtung Tür. Regitz setzte sich in Bewegung, die Pistolenmündung folgte ihm.

Borsig folgte ihr. Sie brauchte einen Tütenträger, soviel war klar. Zuerst shoppte Katharina Schuhe, von latschigen Ballerinas bis zu hormontreibenden High Heels. Borsig hielt den Schuhlöffel und trug die beträchtliche Ausbeute durch das Labyrinth der „Mall“. Das Mädchen behandelte ihn wie Luft, nein, schlechtes Bild, sie atmete an ihm vorbei. Noch schlechteres Bild. Aber Borsig war es gleichgültig. Das hier war Geldverdienen, das Aufschnappen von Informationen. Dafür konnte man sich ruhig einmal erniedrigen lassen. Mal sehen, was noch folgt.

Eine unendliche Zahl von Boutiquen natürlich. Katharina zog wahllos Kleiderbügel mit exklusiver Ware von den Ständern, hieß Borsig – gottlob hatte er vorher die Schuhe im Kofferraum des Benz verstauen dürfen -, ihr die Klamotten hinterher zu tragen. So näherten sie sich der Umkleidekabine, die Verkäuferin im Schlepptau, durch einen winzigen Augenaufschlag Katharinas jedoch zur lästigen Gefolgschaft degradiert und alsbald im Dickicht der haute couture verschollen.

„Bleiben Sie hier stehen“, befahl Katharina, als Borsig mit der Nasenspitze den Stoff des Vorhangs fast berührte, hinter den sich seine Chefin begab. Stoffrascheln, Schuhe wurden nachlässig auf den Boden gekickt. „Jetzt das kleine Grüne.“ Borsig schob das kleine Grüne hinter den Vorhang, darum bemüht, nicht auf eine Siebzehnjährige in Unterwäsche schauen zu müssen. Was natürlich misslang, denn Katharina öffnete den Vorhang ein Stück, nahm die Ware entgegen, grinste, ein Teeny in String und Minimal-BH. Schön, dachte Borsig. Scheiße, dachte Borsig.

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