27.05.2011 -187-

Antikrimi

Er hatte den Fehler gemacht, nach dem Wetterbericht den Fernseher weiterlaufen zu lassen. Und jetzt das. Der Reporter an der syrisch-jordanischen Grenze, Videos aus einem Gefängnisinnenhof, in der Mitte ein blühender Baum. Schergen des Diktators, die mit nägelgespickten Holzlatten auf halbnackte Gefangene einprügelten, sie auspeitschten, ihre Genitalien mit Stiefeltritten zerquetschten. Ausblenden. Hast du gerade nicht gesehen, Marxer.

Lehn dich zurück, friss Popcorn, genieße die pikante kleine Vorführung in deinem Privatkino, große Leinwand, Dolby Surround, zwei stöhnende nackte Frauenleiber in intimer Verrenkung, die Akustik gegenseitigen Liebkosens, zack, die Latte auf den Rücken eines Gefangenen, er stolpert, er fällt, schon ist ein anderer Scherge über ihm und lässt die Stahlkappen seiner Schuhe testen, was eine Hirnschale so alles aushält. Eine Menge.

Das Bild auf der Leinwand fror ein, die Wörter auf dem Papier ebenso. „Oxanas Zunge marodierte über die Ebene von Sonjas Leib, strich um die Oase und suchte die Quelle, benetzte sich mit dem salzigen Tau, trug ihn in die Nabelsenke, trug ihn weiter den flirrenden Hügeln am Horizont zu.“ So ein gottverdammter Scheiß! So ein albernes Gewäsch!

Marxer hörte die Füße an seiner Tür vorbeitrippeln, Richtung Bad. Sonja. Er hielt den Atem an. Eine Minute lang, bis er nicht mehr konnte, bis ihm die Geräusche verrieten, die Frau habe soeben die Duscharmaturen betätigt. Wasserrauschen. Aus dem Fernseher kam jetzt Werbung. Er fluchte und wollte ihn aus machen, zögerte. Mach das Ding endlich aus, Mensch!. Überhaupt: Mit allem ein Ende machen. Diese scheiß Krimischreiberei, dieses voyeuristische Abgewichse, diese Befriedigung niederer Unterhaltungsbedürfnisse. Okay, war sein Job. Man lebt traditionell gut vom Leuteverarschen, ist halt so.

Reportage, ein griechische Notfallklinik für Schlaganfallpatienten. Der Arzt, er hat in Heidelberg studiert und spricht besser Deutsch als alle Neonazis zusammen, öffnet das Schränkchen mit den Medikamenten. Das hat Marxer mengenmäßig auch in seinem Erste-Hilfe-Kasten. Die Klinik ist pleite, das Geld weg, die Banken freuen sich, die Spekulanten freuen sich, die Korrupten freuen sich.

Irmi schaltete das Gerät aus, in ihrem Kopf rumorte die Wirklichkeit, schön war das nicht, sie schaltete wieder an, ließ einfach laufen. Aber komm, Mädchen, jetzt erst recht! Sie machte sich fertig, packte die 1000 Euro ins Geheimfach ihres Mantels, genehmigte sich zwei Likörchen und betrat das wirkliche Leben, das ihr Friede, Freude, Lebensmittel vorgaukelte, den Fernseher hatte sie an gelassen, die gewöhnliche Mixtur aus Katastrophen, Klamauk und Kaufempfehlungen ratterte ins Leere. Welt!, deklamierte Irmi, ich komme!

Er kam endlich wieder zu sich. Wie ein Junkie, der sich für seinen nächsten Schuss in Form bringen muss, gierend nach der Fiktion, die sedidativ durch die Venen schießt. Aufhören mit dem Rumräsonnieren, dem Zweifeln und Verzweifeln. Einfach an den Schreibtisch setzen, knackige Szenen voller Bewegung inszenieren, er freute sich schon drauf. Krimi schreiben! Hermine faltet einen jungen Filialleiter aber auch dermaßen zusammen… Vika goes James Bond… Irmi trotzt der Wirklichkeit und findet sie schließlich… Oxana, die schöne Oxana, sieht auf, als Sonja Weber frisch geduscht die Küche betritt… Sonja Weber ihrerseits setzt sich neben Oxana, sie werfen sich Blicke zu, an denen Männer verzweifeln würden. Wohlan, alas! Der Dichter ist ein Dichter, wenn er über den Dingen des realen Lebens zum Zyniker wird und über den Dingen seiner Imagination romantisch. Die Wörter, die aufs Papier geworfen werden, sind beides, zynisch und romantisch, und beides ist eins: Ein Mittel, sich durchs Leben zu schleppen, einigermaßen.

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