26.05.2011 -186-

Kopfkino

Hatte er gelauscht? Natürlich hatte er. Oxana sah links, rechts, der Flur war leer. Sie schwebte auf nackten Zehenspitzen in die Küche, ja, genau, schwebte oder schwebte fast, nur durch die flüchtige Berührung ihrer Füße mit dem Boden vom Himmel getrennt. Löste noch einmal eine Eintrittskarte fürs Kopfkino. Ihre Hand in Sonjas Gesicht, sie trieb wie ein Boot auf der Tränennässe, dann der Impuls, ihr die Tränen einfach wegzuküssen und Sonjas Augen, die genau das wollten. Nicht mehr. Durfte nicht sein, hätte Oxana getötet, Stromschläge von ungeheurer Voltzahl.

Gewiss hockte er in seinem Arbeitszimmer und arbeitete eine zentrale Szene seines neuesten Machwerks aus. Zwei Frauen kurz vor der körperlichen Vereinigung. Sofort aus dem Kopfkino raus, Oxana, bloß nicht vorstellen, das würdest du jetzt auch nicht überleben. Sehr hübsch, dass die Franzosen einen Orgasmus „den kleinen Tod“ nennen. Sie setzte sich an den Küchentisch, rauchte und trank Kaffee.

Irmi hatte ihren Kaffee getrunken und das Brötchen gegessen. So wie eine Sekretärin morgens die Geschäftspost öffnet, hatte sie den Umschlag unter dem Teller aufgemacht und zehn Hunderteuroscheine herausgezogen, 1000 Affen, was sie beinahe empörte. War Moritz Klein nicht mit 5000 abgefertigt worden? Mit kleinen Rentnerinnen konnte mans ja machen. Sogar bei Schweigegeldern blieben Frauen notorisch unterbezahlt. Andererseits: Sie hatten Moritz die Knarre in den Mund geschoben und abgedrückt. Das war ihr erspart geblieben. Dennoch. Zehn Hunderter. Sie glättete sie versonnen und legte sie auf den Nachttisch neben das Tablett, sie seufzte einmal hörbar auf und erhob sich, sie schwang die Beine über den Bettrand, das linke demonstrativ zuerst und wackelte ins Bad, wo sie sich zu erbrechen fürchtete, dann aber doch nur auf der Klobrille hockte und tat, was sie jeden Morgen nach dem Aufstehen tat. Eine Frau, die gerade eine Begegnung mit Killern hinter sich hatte.

Eine Frau, die gerade eine Begegnung mit einer anderen Frau hinter sich hatte. Deren Gesicht, als sich Oxanas Fingerspitzen darin von der Stirn bis zum Kinn mäanderten, von kleinen elektrischen Schocks heimgesucht worden waren, Schocks, die sich bis in die Fußspitzen fortgepflanzt hatten. Sehr überraschend. Eine Frau. Sonja saß auf der Bettkante, sträubte sich, die Füße auf den Boden zu setzen, weil das den Traum beenden würde, den sie jetzt mit offenen Augen träumte. Kopfkino, ab 18, ein schwülstiger Liebesfilm, man selbst zurückgelehnt mit einer Tüte Popcorn in der Hand. Und dann endet der Film, endet der Traum. Oxana steht auf, die Hände haben gerade flüchtig den Hals berührt, werden dann weggezogen, die elektrischen Schläge hören aber nicht auf. „Dusch erst einmal und dann komm in die Küche, ich mache dir Frühstück“, hatte Oxana gesagt, ihr Gesicht zur Tür gedreht und wieder zurück, gelächelt. Sonja nickte bloß, unfähig sich zu bewegen, auf einem Ellenbogen abgestützt, das Gesicht halb trocken, halb nass, sie wusste nicht mehr, warum sie geweint hatte, doch, sie wusste es genau, aber sie wollte nicht daran denken. Sie musste jetzt aufstehen. Sie stand auf.

Wie immer, wenn in Irmis Kopfkino düstere Filme über die Leinwand flackerten, schaltete sie den Fernseher an. Der Reporter an der syrisch-jordanischen Grenze, Videos aus einem Gefängnisinnenhof, in der Mitte ein blühender Baum. Schergen des Diktators, die mit nägelgespickten Holzlatten auf halbnackte Gefangene einprügelten, sie auspeitschten, ihre Genitalien mit Stiefeltritten zerquetschten. Das ist die Welt, Irmi, die ganz normale Welt. Das ist Verbrechen. Und du? Kleine Tragödien, ein läppischer Krimi, bisschen Herzklopfen, bisschen Thrill vor dem letzten Schnaufer, den du ganz friedlich in deinem Bett machen wirst, während die Welt… Nicht heulen jetzt. Abputzen. Weitermachen.

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