25.05.2011 -185-

Ein Abgrund an Verschwörung

Die offene Tasche locker über der linken Schulter, damit die rechte Hand, falls es nötig werden sollte, in einer einzigen schnellen Bewegung hingreifen und die Waffe herausziehen konnte. Das ging so schnell, dass Vikas Gegner sofort nach einer Wiederholung in Zeitlupe verlangten. So betrat sie eine Art schäbig möbliertes Foyer, von dessen Decke eine defekte Neonröhre unrhythmisch zuckte, hell, dunkel, hell, dunkel. Zu sehen war niemand, zu hören auch nicht. Rasch orientierte sich Vika – es führten zwei Türen aus dem Foyer, sie wählte die rechte, weil man durch sie in den hinteren Teil des Gebäudes gelangte, hinter der anderen, der linken, wartete wohl das Treppenhaus.

Vorsichtig einen Spalt breit öffnen, schauen. Ein Mittelgebirge von Kartons, sauber gestapelt, verschiedene Größen, auch hier defektes Neonlicht, das chaotisch Zeichen verschickte, die man nicht lesen konnte. Spuren der Anwesenheit von Menschen? Keine. Also hinein, sich umgucken, lauschen. Von der Rückwand des Raumes kamen Geräusche, es wurde gesprochen. Vika zog die Waffe aus der Handtasche, sie wog schwer und sicher. Schritt für Schritt, ganz vorsichtig der Wand zu, der Tür darin. Immer wieder stehen bleiben, sich umdrehen, lauschen. Professionell.

Völlig unprofessionell! Chefchen hatte ein rotes Köpfchen. Das würde doch auf ihn zurückfallen! Auf seine Karriere! Damit war er praktisch im oder am Arsch, die Familienplanung konnte er aufstecken, Hartz IV drohte, wenn das rauskam! Er sah sich um, wütend, bestialisch, animalisch. Da standen sie, die Kisten, ein Mount Everest der Schlamperei, ach was, Schlamperei! Das war Absicht, das war Intrige, das war Verschwörung! Tausende Packungen Bandnudeln „Con Italiano 500 gr Hartweizengrieß“, dabei hatte er gerade einmal 100 geordert, dafür aber 500 Einheiten Spaghetti „Wie bei Mama, 500 gr mit aldente-Garantie“. Wie sollte er den Scheiß loswerden? Wer kaufte schon Bandnudeln? Was konnte man zu Bandnudeln servieren? Gulasch! Teueres Gulasch! Wer konnte sich das leisten? Hä? Bei Aldi einkaufen und dann Gulasch? Hallo? Das hier war Prekariatsland, das hier war nicht Deutschland zu Adenauers Zeiten! Wie sollte er das der Bezirksleitung erklären, seinem obersten Chef? Hatte er etwa geschludert, die Bestellung falsch durchgegeben? Keineswegs! Nein, hier waren höhere Mächte am Werk, finstere Kräfte – Hermine! Sie hasste ihn, das wusste er. Weil sie bei ihm nicht landen konnte! Er hatte Marieluise, 18, kurz vor dem Abitur, breites Becken, zur baldigen Kalbung bereit.

Chefchen raste. Raste noch immer, als sich Hermine zwischen den Regalen dem Lager näherte, das sie durchqueren musste, wollte sie in den Aufenthaltsraum und zur Toilette. Überhaupt: Toilette! Konnten die das nicht daheim erledigen? Machte er doch auch! Noch größere Raserei, inzwischen schon griechisch-tragödial. Sie kam näher, immer näher. Er würde sie zerstören, zertreten, diese Verschwörerin! Komm nur!

Vika hatte das Lager durchquert und stand nun vor der Tür, hinter der sie die Stimmen vermutete. Sie legte das Ohr an das kalte Metall. Ein Disput fand jenseits statt, jemand schrie, jemand lachte, auf die brutale Art. Wieder schrie jemand, diesmal vor Schmerz, das musste Moritz Klein sein. Vika entsicherte ihre Waffe. Hielt sie hoch, umfasste mit der Linken das rechte Handgelenk, löste es wieder. Sie würde erst die Tür öffnen, aufstoßen müssen. Überraschungsmoment. Oder noch abwarten? Für seine Unvorsichtigkeit hatte Moritz Klein noch ein paar Schläge in die Magengegend verdient. Die linke Hand auf die Klinke gelegt. Noch einmal vorsichtig umdrehen, keine unliebsamen Überraschungen von hinten, das hier war kein Fernsehkrimi. Vika konzentrierte sich, atmete zweimal kräftig ein und aus, spannte sämtliche Muskeln. Jetzt.

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