23.05.2011 -183-

Greinende Kerle

Die Mütze. Es stand nicht „Schalke 04“ drauf und außerdem kratzte sie irgendwie. Auch sonst war nichts in Ordnung. Am Morgen hatte Borsig seine Chauffeurstracht erhalten, von einem wortkargen Mann ausgehändigt, den alle nur Johann nannten, weil er angeblich der Butler im Hause des Konsuls war, sich aber aufführte wie der Hausherr himself. Die Uniform passte nicht. Ärmel zu lang, Hose zu lang, im Schritt eierquetschend, der Arsch wie in Plastikfolie eingeschweißt. Na, dachte Borsig, das kann ja heiter werden.

Wurde es aber nicht. Er saß im Chauffeurszimmer und drehte Däumchen. Ein Kabuff war das, drei auf zwei Meter, Tisch, Stuhl, aus. Vor ihm eine Tasse dünnsten Kaffees, der auch Tee sein konnte, jedenfalls schon bei der Reichung durch Käthe, das Zimmermädchen, kalt. Borsig sah auf die Spitzen seiner perfekt gewichsten Stiefel, zwischen denen sich etwas bewegte, das schließlich als eine besonders fette Kakerlake identifiziert wurde. Drauftreten, befahl das frustrierte Kleinhirn. Nö, weigerte sich ein Rest stolzen Proletariertums. Ich bin hier zwar der Lakai, der Befehlsempfänger, aber meine Selbstachtung nehmt ihr mir nicht. Die Kakerlake reckte den Daumen hoch, verzog sich dennoch vorsichtshalber hinter ein Tischbein.

Gegen zwanzig nach Zehn schlug die Klingel an. Penetrantes Geräusch, dachte Borsig und erhob sich seufzend. Stoff zurechtzupfen, Mütze geraderücken. Auf dem Flur wartete Johann, stiff upper lippigst, fußspitzenwippend. „Das gnädige Fräulein wünscht in die Stadt gefahren zu werden.“ So, so, in die Stadt. Shoppen, ne? Borsig nickte und verfügte sich Richtung Garage, dort warteten drei Karossen, ein Jaguar, ein Benz und ein Renault Clio, falls irgendwann in Deutschland einmal die Revolution ausbräche und es nicht mehr opportun wäre, in Protzkisten durch die Gegend zu gondeln. Kurz: Der Clio war eine völlig überflüssige Investition.

Da tauchte auch schon das Fräulein Katharina Bruggink auf, rotznasenmäßig in langem Leder über den engen Jeans, Bauerntrampelstiefeln. Sie sah instinktiv an der Domestikenvisage vorbei, hin zum Benz. Borsig kapierte sofort und angelte nach dem Schlüssel im Jackeninnentäschchen. Das Fräulein postierte sich an der hinteren linken Tür, der Chauffeur sprang hinzu und öffnete den Verschlag. Neckisch die Mütze lüpfend und „dumme kleine Schlampe“ denkend.

„Dumme kleine Schlampe“, dachte Regitz. Und war überrascht, noch denken zu können. Seit Tagen trichterten sie ihm hier Wissen ein. Was ist ein Hedgefonds, was bedeutet „haircut“ finanztechnisch? Wie viel Reibach lässt sich machen, wenn aus dem Triple-A der Ratingagenturen ein Double-A oder gar noch weniger wird? Warum ist es begrüßenswert, wenn in Griechenland die Menschen randalieren, die Isländer kollektiv für die Bankenmafia blechen sollen? Welche Auswirkungen haben die Bilder verreckender afrikanischer Kinder auf den Euro-Dollar-Wechselkurs und wie lässt sich das steuern? Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Grad der atomaren Verseuchung des Pazifik, dem Rohstoffpreis für Raps, dem Spermaverbrauch subalterner Beamter bei Gratispuffbesuchen und dem Dummschwätz von Politikerfressen in öffentlich-rechtlichen Talkshows?

Sein Kopf rauchte und kein Aufdruck warnte, dies sei gesundheitsschädlich und in Gaststätten zu unterlassen. Und jetzt das noch. Dumme. Kleine. Schlampe. Die beiden Jungs hatten Moritz Klein in den Raum gestoßen, Regitz war gehörig erschrocken. Was suchte der hier? Woher wusste der….? Anja, fiel ihm ein. Dummekleineschlampeanja. Und dieses Arschloch grinste ihn an. Sagte: „Grüß Gott, mein lieber Regitz, endlich treffen wir uns mal wieder.“ Regitz schnäuzte sich auf die ordinärste nur denkbare, also die Regitzart. Musterte Klein, zischte: „Grüß Gott? Wenn es einen gibt, wirst du das gleich selber tun. Das steht schon mal fest, ne?“

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