20.05.2011 -180-

Der Killer philosophiert weiter

Es duftete nach frischem Kaffee und draußen in der Küche pfiff Bernie eine heitere Melodie, Irmi kannte sie nicht. Sie wusste nur, und auch das nicht genau, dass der Genuss der letzten Tasse Kaffee ihres Lebens bevorstand, sie sah in Jonnys Gesicht, um eine Bestätigung daraus abzulesen, ohne Erfolg. Aus Jonnys Gesicht fielen wieder langsam die Wörter und wurden zu Worten.

„Fragen, meine Teuerste, Fragen von solcher Endgültigkeit wie ‚Werden Sie mich jetzt ermorden?’, da lesen wir ellenlange Sätze und haben oft keine Ahnung, ob sie als Aussagen oder Fragen enden, so wie das Leben mit einem Punkt, einem Ausrufezeichen, einem Fragezeichen enden kann – oder einem Komma, wenn wir vermeinen, der Satz unseres Lebens sei mit dem Tode noch nicht zu Ende – oder mit einem Semikolon, wenn wir eher der agnostischen Betrachtungsweise der letzten Dinge zuneigen. Da lobe ich mir die Spanier! Sie übersetzen nicht nur die besten deutschen Krimis in ihre wunderbare Sprache, bei ihnen steht das Fragezeichen am Anfang eines Satzes, auf dem Kopf auch noch, und dann wissen die Spanier sofort, woran sie sind, nicht wahr? Neulich las ich eine Krimikritik in einer Provinzzeitung und die Rezensentin beschwerte sich über die langen Sätze des Autors. Vielleicht endeten sie allesamt mit Fragezeichen und wie sehr wäre der armen Frau geholfen gewesen, hätte sie das von Anfang an gewusst!“

Langsam quatschte Jonny für Irmis Geschmack zu pastoral. Mochte sie nicht, hatte sie noch nie gemocht, diese ganzen Besessenen, Missionare, Möchtegerndenker, Ideologenschwengel. Nimm deine Knarre aus der Tasche, schraub den Schalldämpfer drauf und leg mich um, sauberes Löchlein in der Schläfe. Aber Jonny tat nichts dergleichen. Er schwieg und sinnierte seinen Gedanken nach, tastete nach Irmis kalter, schweißfeuchter Hand und tätschelte sie wie ein Sohn die Hand seiner Mutter liebkost. Plötzlich stand Bernie in der Tür, ein Tablett vor sich her tragend, darauf das schöne alte Porzellankaffeekännchen, oh du süße Erinnerung an eine lange vergilbte Kindheit, die dazugehörige Tasse auf der dazugehörigen Untertasse, auf dem dazugehörigen Teller ein aufgeschnittenes, großzügig mit Butter und Brombeermarmelade bestrichenes Brötchen, alles irgendwie dazugehörig. Und daneben, überhaupt nicht zugehörig, eine Pistole. Der Schalldämpfer war schon draufgeschraubt.

Alle Räder stehen still

10 Uhr, Kaffeepause. Hermine saß im Aufenthaltsraum und starrte in die Tasse. Sie dachte nichts. Sie war eine Statue.

10 Uhr, Kaffeepause. Vika spürte ihre Beine nicht mehr. Sie starrte auf Klein, der, an die Mauer gelehnt, zu schlafen schien, eine Zigarette zwischen den Lippen, nicht angezündet. Es war wie ein Gemälde, das von einem anderen Gemälde betrachtet wurde.

10 Uhr, Kaffeepause. Oxana wartete. Sie wollte trinken, hatte die Hand schon an der Tasse gehabt, doch dann war ihr die Hand abhanden gekommen, gehörte und gehorchte ihr nicht mehr. Nur noch das Gehör funktionierte. Es lauschte, wie Marxer sein Zimmer durchmaß, ein Trampeltier, das laut fluchte. Sonja Weber schlief noch immer. Tat sonst nichts. Niemand hat etwas, von Marxer abgesehen, aber auch das war nicht viel.

Gut so. Alles einfrieren. Der Autor hat ein massives Problem mit der Handlung. Da liegt eine alte Frau im Bett, zwei Killer bedrohen sie, der eine hält ihre Hand, der andere serviert Frühstück. Eine Waffe ist im Spiel. Das ist dramaturgisch ein gefundenes Fressen, die Nerven der werten Leserschaft sind flitzebogensehnengespannt, die des Autors hingegen so dünn wie seine Haare. Er hat, noch einmal, ein massives Problem.

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3 Antworten zu 20.05.2011 -180-

  1. Bio schreibt:

    Sollen wir jetzt etwas zur Problemlösung beisteuern?

    Kannste haben: Irmi macht die Jonnies platt 😀

  2. Mistie schreibt:

    … nach der Affaire mit Moritz kam mir der Gedanke, dass die beiden Herren vielleicht Jerry Cotton und Phil Decker in einer Undercovermission sind …

  3. Dieter Paul Rudolph schreibt:

    Der Autor sammelt das fleißig. Es wird sowieso Zeit für den nächsten Mord, so glaubt noch jemand, das hier sei ein „literarischer Krimi“.

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