19.05.2011 -179-

Überlegenswerte Gedankengänge eines Killers

Zu warten hatte sie nie gelernt. Wo denn auch, warum denn auch. Immer alles gleich und sofort oder gar nicht. Einer der beiden Eindringlinge – Jonny hieß er wohl – hatte sich auf den Bettrand gesetzt, sah zu, wie sie zu zittern begann. Leicht, aber sie zitterte, er merkte das und lächelte. „Würdest du bitte in die Küche gehen und Kaffee kochen, Bernie?“ Der harrte noch immer in Türnähe aus und hielt jetzt eine Tüte hoch, Irmi hatte sie bisher gar nicht wahrgenommen, obwohl sie schwerlich zu übersehen war, eine Tüte aus der Bäckerei um die Ecke, prall gefüllt. „Aber natürlich, Jonny. Und schön mit Brötchen und Marmelade, Muttchen, ne? Glück für dich, dass dein Brotdealer schon offen hatte.“ Er drehte sich um und verschwand.

Überleg mal, Irmi. Das sind die Jungs, die dem armen Moritz so eingeheizt haben. Zuerst die Knarre ins Maul und dann nen Haufen Zaster, damit er selbiges Maul hält. Oder so ähnlich. Beruhigt dich das? Nö. Bei Moritz waren sie brutal und am Ende löste sich alles mehr oder weniger in Wohlgefallen auf. Bei dir starten sie auf die nette Tour und werden logischerweise… nicht drüber nachdenken jetzt, Irmi. Du bist in Gottes Hand, das heißt: Gib dir einen Ruck und vergiss für ein paar Minuten deine atheistische Lebenseinstellung. Wenn es Gott gibt, dann aber jetzt. Wann sonst?

„Werden Sie mich umbringen?“ Die Frage hatte rausgemusst, keine Ahnung, ob das nun strategisch klug war oder nicht. Jonny schien erschüttert. Er beugte sich etwas vor, überlegte, Irmis Beine beruhigend zu streicheln, verkniff es sich aber. „Umbringen?“ Es klang ungläubig, was jetzt nichts mit Atheismus zu tun hatte. „Das ist ein so endgültiges Wort. Und kulturell natürlich vorbelastet, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten. Natürlich gestatten Sie. Sie, eine hochgebildete Frau, eine Intellektuelle, wenn ich so sagen darf. Mit Ihnen kann man auch über solche Dinge reden wie den Mord als conditio sine qua non, also das, was man bei Realschülern eine notwendige Vorbedingung für etwas nennen müsste.“

Irmi verstand kein Wort, obwohl sie jedes Wort verstand und vielleicht lag in dieser Feststellung der Schlüssel zu allem menschlichen Elend. Sie hörte, wie in der Küche die Kaffeemaschine mit ihrer stupiden und entfremdeten Arbeit begann, heißes Wasser zu produzieren und über Kaffeepulver auszugießen. Bernie, wer sonst, hantierte mit Geschirr, womit er wenig Erfahrung hatte, es klirrte haarscharf an der Katastrophe eines Scherbengerichts vorbei. Jonny suchte in seiner Jackentasche nach irgend etwas, fand es schließlich, so ein schwarzes Ding, Irmi erinnerte sich, dass man es iPod nannte und Jonny betätigte es sofort.

„Das ist ein iPod, gnädige Frau, haben Sie vielleicht schon mal gesehen. Kultobjekt, ein Must Have des modernen Menschen. Klingt schön, ja? So ganz harmlos und easy und eventmäßig und gar nicht nach – Mord, diesem unschönen, verpönten Wort? Aber wissen Sie um die Arbeitsbedingungen der Menschen, die dieses Gerät bauen? Wissen Sie, dass diese Arbeitsbedingungen dermaßen schlecht sind, dass viele der fleißigen chinesischen Bienchen Selbstmord begangen haben oder gerade begehen oder noch begehen werden? Und Selbstmord ist auch Mord, ja? Vor allem dann, wenn es ein erzwungener ist. Aber davon redet man nicht.“

Irmi nickte. Ja, das stimmte, aber sie hätte dies jetzt lieber aus dem Mund eines Fernsehphilosophen gehört (dieser junge Typ, der immer in Talkshows rumsaß und kluge Dinge von sich gab) als aus dem eines Killers. Sie nahm all ihren Mut zusammen und sagte: „Da sind wir uns einig. Mord ist der Stoff, der die Welt in ihrem Innersten zusammenhält.“ Jonny nickte anerkennend, steckte seinen iPod wieder in die Tasche zurück und applaudierte. „Wir verstehen uns wirklich, meine Liebe. Ich wusste es. Also reden wir von Mord. Ganz ohne Fragezeichen. Apropos…“

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