18.05.2011 -178-

Albernerweise erinnerte sich Irmi an einen Slogan aus alten Zeiten. „Für ein dünnes Butterbrot schlägt er seine Mutter tot“, auf einem Transparent gegen die Kapitalistenschweine, damals nach dem Attentat auf Rudi. Sie war gewiss nicht die Mutter der beiden Typen, die gerade vor ihrer Schlafzimmertür standen, aber deren Sinne standen auch bestimmt nicht nach dünnen Butterbroten. Es klopfte sachte, fast zögerlich an die Tür und Irmi, gut erzogen, sagte mit fester Stimme: „Herein“.

Hermine sagte „Tschüss“. Das musste sie, das war kundenorientierte Freundlichkeit, das stand sogar in ihrem Arbeitsvertrag. Sie zog mechanisch junge Erbsen und Schokoriegel über das Scannfeld, pieppiep, sie hörte es schon gar nicht mehr. Eingeschweißtes Brot von vorgestern, halber Preis, dazu Butter mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum, ebenfalls halber Preis: Da wusste man, mit wem man es zu tun hatte. Aber normalerweise war es Hermine egal, was die Leute einkauften. Sie musste nur darauf achten, wann Samstag war, denn dann musste man den Kunden „Schönes Wochenende“ wünschen, gar nicht zu reden von den hohen Feiertagen, die gemäß Arbeitsvertrag ein „Frohe Weihnachten, frohe Ostern, Prost Neujahr“ verlangten. Jeder Kundenkontakt begann mit einem „Guten Morgen“, einem flüchtigen Blick in ein sofort wieder verschwundenes Gesicht, dann Kopf etwas anheben und in den Spiegel oben gucken, einen Kontrollblick in den Einkaufswagen. Wie oft sie das während der Schicht tat, wusste sie nicht, würde man mal zählen müssen. „Guten Tag.“

„Guten Morgen.“ Der gerade seinen Kopf ins Schlafzimmer streckte, hatte ein schelmisches, gutgelauntes Gesicht. „Wir sind die Herren von der Volkszählung und machen Hausbesuch.“ Hinter ihm lachte es meckernd. Irmi fröstelte. Sie riss sich zusammen und sagte „Ach ja?“ Der Mann machte zwei Schritte ins Zimmer, der Mann hinter ihm auch. Mittelalte Burschen, eine Idee in Irmis Kopf. Die Kerle, die Moritz… Sie richtete sich auf. „Was kann ich für Sie tun?“ Der vorne nickte und leckte mit der Zunge über die Oberlippe. „Wusste ich’s doch, Bernie, diese Frau ist einfach höflich, die hat Stil, die hat Klasse, das ist alte Schule, damals wurde noch Anstand beigebracht, Gruß an Ihre Eltern unbekannterweise.“ „Die sind längst tot“, antwortete Irmi lakonisch. Der Hintere machte bedauernd „ooooch“. Und fragte: „Wenn jemand tot is, is nicht so schön, Jonny, gell?“ Der Jonny Genannte stand jetzt am Fußende von Irmis Bett und stützte sich mit beiden Handflächen ab, etwas vorgebeugt. „Tja, Bernie, tot zu sein ist eine schöne Scheiße. Natürlich müssen wir alle mal sterben. Aber ebenso ist alles relativ. Wann man stirbt, wie man stirbt, warum man stirbt.“ Bernie machte „aaaaaaah“. Und: „Du hast heute wieder deinen Philosophischen, aber hammerhart, Jonny.“ Der nickte versonnen und betrachtete die Frau im Bett.

Marxer nickte versonnen und betrachtete die Frau im Bett. Sonja Weber schlief, sie schnarchte sogar ein wenig. Der Dichter und seine Muse hatten die Tür ganz vorsichtig geöffnet, waren einen Schritt eingetreten, sahen auf die Schlafende. Auf Zehenspitzen gingen sie dann hinaus, Marxer schloss die Tür. „Wie ist sie überhaupt ins Haus gekommen?“ fragte Oxana. „Weiß nicht. Ja, doch, ich hab ihr mal einen Schlüssel gegeben – oder nicht? Egal.“

Der Dichter war nervös, neben der Kappe, Oxana merkte es sofort. Warten gehörte nicht zu seinen Stärken, er murmelte etwas wie „Muss nachdenken“ und verschwand Richtung Arbeitszimmer. Oxana setzte sich an den Küchentisch, trank Kaffee und wartete.

Warten. Nichtstun. Sagt man so. Aber genau darin bestand Vikas Arbeit, was sich nicht sehr spannend anhörte, es aber durchaus sein konnte. Jedenfalls redete sie sich das ein. Moritz Klein hatte die ummauerte Stadt hinter sich gelassen, den unansehnlichen Teil von St. Malo erreicht, ein Industriegebiet. Aha, die Firma, genau. Was würde er tun? Warten, natürlich. Er postierte sich in der Nähe des Eingangs, unbekümmert, ob man ihn entdeckte oder nicht. Ungeeignet für den Job, dachte Vika und suchte sich ein einigermaßen windgeschütztes Plätzchen zwischen zwei Müllcontainern. Warten konnte sie. Das hatte sie gelernt.

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