17.05.2011 -177-

Immer noch böses Erwachen

Oh nein, dachte Oxana, er rumort wieder. Wälzt sich mit dem Geräusch einer Panzerkette durch das Haus und sucht die Inspiration wie unsereiner Salzstreuer oder Lesebrille. Sie lag da und starrte gegen die Decke. Zum erstenmal überlegte sie sich, ob es nicht umgekehrt war und die Decke gegen sie starrte. Suchte einen positiven Satz, so wie jeden Morgen. Einen Satz, für den sich das Aufstehen lohnte, so etwas wie „Heute verändert dein hammermäßiges Kharma die Welt zum Besseren.“ Schwer zu finden, meistens, heute hoffnungslos.

Er zog seine Kreise enger, kam ihrer Tür immer näher, würde davor stehen bleiben und warten, käme nicht herein. Das war tabu. Er hüstelte gekünstelt, also auch dabei ganz Künstler, murmelte etwas, seinen positiven Satz. Sie seufzte, sehr leise. Musste sein. Schlug die Bettdecke zurück, sah hinunter, dorthin, wo das kurze Nachthemd endete und die Nacktheit begann. Ich trage ein Nackthemd, dachte sie und lächelte. Stand schließlich auf, machte Geräusche, die Schritte draußen stoppten jäh. Oxana ging auf bloßen Füßen zur Tür, öffnete sie, er stand vor dem Schränkchen im Flur und tat so, als befinde sich darin, zwischen allerlei Krimskrams, die göttliche Kreativität des Dichters, man musste nur zugreifen, die Haarbürste – in einer epochalen Odyssee hier gelandet – ein wenig zur Seite schieben, das devine Geschenk herausholen.

Er beachtete sie kaum, das war ungewöhnlich, nein, das war höchst merkwürdig. Sonst delektierte er sich an ihrem Anblick, der Nacktheit im kurzen Hemd, der Nacktheit darunter, das war ihr Job, dafür wurde sie bezahlt, das brauchte er zum Schreiben wie die Syntax, den Wortschatz, das Fremdwörterlexikon, den starken Kaffee, die Zigaretten. Heute nicht? Heute nicht. Er war verwirrt, schwitzte gar. Sie blieb in der Tür stehen, dachte: Er hat sich an mir satt gesehen. Er sucht sich in Gedanken schon eine andere, eine Schwarze vielleicht, eine Asiatin, eine Third-World-Experience, was weiß denn ich. Gut so. Schade drum.

Er richtete sich auf, sah sie an, schüttelte den Kopf, sagte dann, leise und ungläubig: „Sie ist zurück. Sonja ist wieder da. Sie liegt in ihrem Bett und schläft.“

Der harte Job des Nichtstun

Wer nicht gesehen werden möchte, darf sich nicht verstecken. Vika machte sich keine Sorgen, Moritz würde entdecken, dass sie ihm folgte. Selbst in der morgendlichen Stadt fühlte sie sich sicher, 30 Meter hinter Klein, kaum jemand sonst unterwegs, nur ein paar Typen von der Stadtreinigung und einer, der vier tote Ratten auf einem großen Kehrblech vor sich her trug.

Klein betrat eine Bäckerei, die Frühstück an Stehtischen anbot. Er trank Kaffee, futterte drei süße Teilchen, ließ sich ein Sandwich zum Mitnehmen machen. Vika wartete geduldig im Hauseingang gegenüber.

Wieder ließ sie ihm 30 Meter Vorsprung, bevor sie aus ihrem Versteck schlüpfte. Der Himmel war bedeckt und voller Möwen. Klein schlenderte durch enge Gassen, es sah so aus, als ginge er einem festen Ziel entgegen und tatsächlich, er blieb jetzt stehen. „Les Saints“, ein winziges Restaurant im Erdgeschoss, darüber Zimmer für Gäste.

Klein begann zu rauchen, auf und ab zu gehen. Vika, hinter einem Brunnen versteckt, den eine steinerne Meerjungfrau mit Wasser vollspuckte (nur von Mai bis August, Touristenzeit), sehnte sich nach einer Zigarette und wartete ebenfalls. Watching the Detectives fiel ihr ein, Elvis Costello. Sie summte die Melodie, wartete, tat nichts sonst.

Irmi tat nichts sonst als zu warten. Die Typen tappten gerade durch die Küche und unterhielten sich leise, einer von beiden (es mussten zwei sein) lachte. Dann kamen die Schritte näher. Und ich trag diesen albernen Schlafanzug im Bett, was sollen die Herren Verbrecher nur von mir denken.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s