15.05.2011 -175-

Böses Erwachen

Hermine blinzelte. War das die Wirklichkeit? Ein nasskalter Morgen, durch den sie gehen musste, nicht mehr so kalt wie die letzten Tage, aber das waren Tage der Freiheit gewesen, Tage der Anarchie. Jetzt begann die Fron aufs Neue, es hatte sich ausgeurlaubt, der weiße Kittel mit dem Namensschild wartete in einem blechernen Spind, die Kolleginnen mit ihrer schlechten Laune und ihrem noch schlechteren Männergeschmack, der Filialleiter, junger Schnösel mit Abitur, als Filialleitungsanwärter ganz pickliges Karrierekerlchen.

Und die Kassenbox. Wäre Hermine ein Huhn, sämtliche Tierschützer würden für sie kämpfen, vor der Konzernzentrale Transparente schwenkend, „mehr Auslauf für Hermine!“. Aber sie war nur ein lobbyloser menschlicher Scanner, eine Grüß-Gott-macht-achtfuffzig-darf-ich-mal-in-ihre-Tasche-sehn-Maschine, bestenfalls der feuchte Traum alleinstehender älter Männer und manchmal auch durch den Regenwald ihrer Pubertät machetender Jünglinge, eine Frau mit Brüsten, dafür ohne höhere Schulbildung, mit gelegentlicher Jagdlaune, wenn sie Rentner erotisch und platonisch zur Strecke brachte, aber ohne eine Idee, wie sie der Kassenbox, dem Scanner, der Peinlichkeit der Rückgeldrückgabe entkommen konnte.

Halt, stopp, doch: Ihr Leben hatte sich geändert, oder nicht? Sie war so etwas wie eine Privatdetektivin geworden, sie kombinierte wie Sherlock Holmes, grübelte wie Philip Marlowe, taktierte wie Miss Marple und beklagte sich nicht einmal wie Kurt Wallander über die Schlechtigkeit des Planeten – äh, nun ja, genau das tat sie aber gerade. Durch diesen nasskalten Morgen stapfend, in einem beigen Mantel unförmig geworden, auf flachen Schuhen mit schiefen Absätzen. Da vorne. ALDI. Stehen tatsächlich schon zwei Mütterchen vor der Tür und warten, bis das Paradies auf geht. Dauert noch eine halbe Stunde. Sie war spät dran und wahrscheinlich lauerte Chefchen Pickelfresse bereits hinter der Kiste mit den unfair gehandelten Bananen, bereit hervor zu hüpfen und sein Sprüchlein aufzusagen. Zu spät, Frau Kollegin.

Zu spät? Es war kurz nach sechs. Zu spät? Wusste man eben nicht. Vika sprang aus dem Bett, geradenwegs unter die Dusche, kleidete sich an – unauffällig, grauer Mantel, flache Schuhe mit schiefen Absätzen, Haare zurückgebunden, Notschminke, fertig – und sehnte sich nach einem Frühstück. Sie betrat den Flur, so leise wie möglich, machte ein paar Schritte zu Moritz’ Tür, lauschte, hörte etwas, unter anderem ein männliches Raucherhusten, sagte sich: Gut so.

Unten hatte man bereits für sie gedeckt, sie war die erste im Frühstücksraum. Kein Mensch zu sehen, das Büffet französisch mager, Croissants, längliche Brötchen, Marmelade und eine Art Käse, portionierte Butter und Kaffeemilchnäpfchen. Beeilung. Vielleicht würde Klein gar nicht hier frühstücken, gleich das Hotel verlassen und sie ihn aus den Augen verlieren. Berufliches Debakel. Sie kaute schneller, spülte mit dem Milchkaffee nach, ein zweiter Gast – ältlich, dümmlich, unhöflich, nicht mal gegrüßt hatte der – war aufgetaucht, Vika sah seinen Krummrücken über das Büffet gebeugt, ob der dortigen Nichtexistenz von Himbeerkonfitüre hadernd. Noch ein guter Grund, hier schleunigst zu verschwinden. Schnell den Kaffee leer trinken. Abgang auf leisen Sohlen. Der Fahrstuhl ächzte von oben nach unten, das konnte er sein, Moritz Klein, ins Freie treten, schauen. Dort war die Mauer, dort war das kleine Tor, das zum Meer führte. Durch, sich verbergen, warten, hören. Man brauchte gute Ohren in diesem Beruf und Vika hatte die besten Ohren, die jetzt nur auf das Geräusch der Hoteltür fixiert waren. Und nicht lange warten mussten.

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