10.05.2011 -170-

„Also halte ich am besten die Klappe.“ – Oh weh! Wenn ein Ich-Erzähler das Maul hält, hat der Autor ein Problem. Er hat es, nebenbei, sowieso, denn man glaube doch nicht, der Autor sei tatsächlich der Herr über sein Personal! Einer wie Moritz Klein macht was er will, der kümmert sich nicht um die ehernen Gesetze des Genres, dem sind dramaturgische Kurven piepegal. Jetzt schweigt er also eine Zeitlang und zwingt mich, den Autor, aus meiner Perspektive zu berichten. Gut, unter uns: Das mögen die Leserinnen und Leser eh lieber. Lass deine Figuren als „Er“ und „Sie“ durch die Geschichte hampeln, switche wie mit einer Fernbedienung hin und her, zeig als Autor, was für ein flexibles Kerlchen du doch bist, dem kein narrativer Kniff fremd ist – und, hey, du darfst sogar Fremdwörter verwenden! Narrativ? Das hätte dieser Prolet Moritz niemals in den Mund genommen! Also denn mal los und so erzählt, wie mans auf der Krimischule lernt.

Und immer schön mit Zwischenüberschriften und einem „roten Faden“. Hm, kurzes Nachdenken. Wo befindet sich unser verstummter Held gerade? Genau. Im Foyer dieses bretonischen Hotels. Er sitzt in einem Sesselchen und wartet, Frau Vika wird mit geziemender Verspätung erscheinen, nicht zu wenig, nicht zu viel, gerade recht. Frauen halt. Sie haben immer noch zu tun, wenn unsereiner schon längst fertig ist, sich die Haare gekämmt, das letzte Schlafkörnchen aus dem Augenwinkel gerieben hat, noch einmal das Näschen hochzieht und flüchtig überprüft, ob die Eier auch wirklich links in der Hose sitzen, weil das besser kommt als rechts. Aja, ich habs:

Die Toilette der Frauen

Vika musterte sich im Spiegel. Kritisch. Sie war eine schöne Frau, nicht zu schön, keine fragile Vase aus der Mingdynastie, die hinter Panzerglas vereinsamen muss, weil kein Mensch es wagt, sie in die Hand zu nehmen. Sie hatte Wiedererkennungswert, wie es Frauen in Stunden des Zweifels nennen, um sich zu trösten, dass die Nase ein wenig zu spitz, die Stirn ein wenig zu fliehend, das Kinn zu massiv, die Beine etwas zu sehr o-förmig sind oder man den Verdacht hat, es sei so und jedem fiele das auf. Wiedererkennungswert also. Originalität. Ein positives Echo im Gehirn des Betrachters.

Sie zog den Lidschatten etwas nach. Befeuchtete die Lippen, dunkelrot, nicht zu dunkelrot, immerhin. Trat einen halben Schritt zurück (zu mehr hätte es im engen Badezimmer auch nicht gereicht), betrachtete sich im Profil, überprüfte ihre Büste, das Kleid, das sie in Form hielt. Mit ihren Brüsten konnte Vika zufrieden sein. War es aber, natürlich, nie. Und schalt sich dafür. Sie, eine souveräne Frau, eigenständig, selbstbewusst, zupackend – und dann machte sie sich Gedanken über ihre Brüste und überhaupt. Sie tröstete sich, es gehöre zu ihrem Job. Nein, sie wollte Moritz Klein nicht verführen. Dazu hätte sie den ganzen Aufwand nicht betreiben müssen, das hatte sie sofort gemerkt, als er sie im ICE nach Paris wie ein Möbelstück abschätzte. Wie eine Couch, auf der man gerne probeliegen möchte, so ungefähr. Männer halt.

Vika sah auf die Uhr, es war fünf Minuten nach sieben, Moritz würde warten, sollte er nur. Sie verließ das Bad, die High Heels klackten artgerecht. Lange hatte sie mit sich gerungen, welche Schuhe sie wählen sollte zu diesem eher unspektakulären Kleid, dessen Saum die Knie umspielten. Schwarze Strumpfhosen? Nylons? Oder die Beine nackt, bequeme Schuhe? Sah auch gut aus, aber dann hatte sich Vika doch für die Heels entschieden, also auch für Nylons, hauchdünn mit akkurater Naht. Nicht verführen, oh nein. Sie musste ihn auf Distanz halten. Schon erotisieren, klar, das musste man immer bei Männern. Aber eben: Distanz. Das war der Job, deshalb war sie hier. Sie nahm die kleine dunkelgraue Handtasche, überprüfte ihren Inhalt – was, Frauen wissen das, wiederum eines zehnminütigen Aktes bedurfte -, atmete noch einmal kräftig durch und ging nach unten ins Foyer.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu 10.05.2011 -170-

  1. Bio schreibt:

    Der Wechsel der Perspektive war (ist) eine gute Idee. So sehr ich die Ich-Erzählung mag, jeden Tag Moritz Klein war mir auf die Dauer doch etwas monoton, zumal es projektbedingt ja nur sehr langsam vorangeht.
    Mit den Zügeln in der Hand hast du schon gleich Spannung erzeugt. 😉

  2. Dieter Paul Rudolph schreibt:

    Das ist auch die Absicht, lieber Bio… Ich werde sowieso noch ein paar nette Sachen ausprobieren. Wenn nicht hier, wo sonst?

  3. Bio schreibt:

    Yo, deine Möglichkeiten sind unbegrenzt – die Bühne ist riesig, die Figuren unzählig.
    Dieses Projekt mit der stetigen Entwicklung der Geschichte hat mir noch mal so richtig vor Augen geführt, wieviel Freiheiten ein Autor doch hat. …. und wie wenig davon genutzt wird. Immer öfter denke ich, wenn ich einen neuen Krimi anfange, och nö, nicht schon wieder.

  4. Dieter Paul Rudolph schreibt:

    Ein besonderer Clou spukt mir gerade im Kopf herum: Das Ganze auch als jährliche „Buchgabe“ zu bringen, ziegelsteindick und in streng limitierter Auflage, als Bonus einen nicht im Internet zu lesenden Text, der quasi „den Fall“ konventionell abzuschließen versucht. Mal schaun…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s