07.05.2011 -167-

Rennes! Das Tor zur Bretagne machte seinem Namen alle Ehre und nötigte mich zu rennen. Eine steile Treppe hoch, eine steile Treppe hinab, unten wartete der Bummelzug und pochte auf pünktliche Abfahrt. Die Dame mit dem Reiseführer keuchte in hohen Stiefeln hinter mir her, ich würde mich, ganz Kavalier, natürlich so lange vor den Zug legen, bis sie eingestiegen wäre. Es war nicht nötig und für einen Moment fand ich das schade.

Bretagne! Flach, trostlos, langweilig. Noch nichts vom Zauber der Kelten, der Menhire, der wütenden See, Alan Stivell zupfte nicht auf seiner keltischen Harfe, die Bombardes tuteten nicht, kein Druide saß zwischen all den schnäbelnden jungen Franzosen und versorgte sich mit Musik aus seinem iPod. Die Dame hockte zwei Reihen hinter mir, wahrscheinlich genauso außer Atem wie ich. Der Zug verhöhnte uns und gönnte sich drei Minuten Verspätung, bevor er endlich anfuhr und durch besagte Flachheit, Trostlosigkeit, Langweiligkeit zockelte, aber nein, das ist ungerecht. Es war halt nicht das, was man von der Bretagne erwartete, nicht das, was einem die Erinnerung zurief. Weißt du noch damals? Mit dem Interrail-Ticket und dem Schlafsack, dem permanenten Dosenfraß und wie du, mit Daniela!, am Strand von St. Malo übernachtet hast? Es war August, es war heiß, es war schön und romantisch, durch die Felsen huschten Ratten, auf den Ruhebänken ruhten Obdachlose, die hier Urlaub machten, es gab noch Francs, aber wir hatten eh nicht viele davon. Stattdessen hattest du deinen ersten zögerlichen Oberlippenbart und leider die Kondome vergessen, so dass Daniela nach einer Woche mit dem glücklichen Besitzer eines Gummivorrates abzog und du ganz alleine, ganz traurig deine Reise fortsetzen musstest. Lorient, Quiberon, Brest. Das Meer, die Gezeiten, die Musik, die Sagen, dann noch einmal St. Malo, die legendäre Korsarenstadt, und dort schließlich hattest du keinen Sou mehr in der Tasche, aber eine mitleidige ältere Frau hat dir ein Baguette, ein Stück Käse und 20 Francs zugesteckt, obwohl du Deutscher warst und die St.Malo zerstört hatten.

Und jetzt wieder: St. Malo, der Bahnhof, „sortie“ heißt „Ausgang“, das weiß man noch, und ich taumelte Richtung Ausgang, ja, ich taumelte, denn die Luft berauschte mich, das Meer, das Salz, die Fäulnis. Tief einatmen und das Ausatmen nicht vergessen. An die Dame aus dem Zug dachte ich nicht, aber plötzlich stand sie neben mir, ihren Reiseführer gezückt, einen suchenden Blick über den Vorplatz geschickt – hier sieht St. Malo aus wie jede x-beliebige französische Provinzstadt, ihren Schatz verbirgt sie noch, den muss man sich erlaufen, das wusste ich – dorthin, wo die Tourist Information sein musste und auch war, doch ein großes Schild verkündete, das Büro sei geschlossen. Kein Wunder, es war Anfang Januar, kein normaler Tourist in der Stadt, nur ich und die Dame – hm, warum eigentlich sie?

„Hm“, machte es jetzt auch neben mir und ich drehte mich zu ihr hin. Sie sah mir direkt ins Gesicht, lächelte unsicher, schüchtern. „Wenn schon die Tourist Information geschlossen hat, dann wohl auch die Hotels?“ Sie fragte es weniger mich oder sich selbst, sie fragte es die Stadt und erwartete keine Antwort, aber ich gab ihr eine: „Stimmt. Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Die meisten Hotels werden über Winter geschlossen sein, die meisten Cafés und Restaurants wohl auch. Aber ich nehme an, Sie wollen auch intra muros?“

Sie sah mich fragend an. „In die Altstadt, den mit einer hohen Mauer umgebenen Teil von St. Malo. Eigentlich gar nicht so alt, weil im Krieg fast vollständig zerstört, danach aber wieder originalgetreu aufgebaut. Man kann ein Taxi dorthin nehmen oder 20 Minuten zu Fuß hin laufen.“ Sie schwankte. „Was machen Sie? Taxi oder zu Fuß?“ Ich hatte mir ehrlich gesagt noch keine Gedanken darüber gemacht, sagte aber ohne Zögern: „Zu Fuß. Sie gehen immer dem Meer zu, Sie merken das an der salzigen Luft.“ Ich nahm meine Tasche auf, sie die ihre, wir sahen uns wieder an. „Wenn Sie nichts dagegen haben, schließe ich mich Ihnen an. Sie scheinen die Stadt zu kennen. Ich bin zum erstenmal hier.“ Ich hatte nichts dagegen. Was sollte ich auch dagegen haben. Wir setzten uns in Bewegung.

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