05.05.2011 -165-

Tout le monde schien heute Morgen auf dem Weg nach Paris zu sein. Als ich meinen reservierten Platz erreicht und mit dem Vorsatz besetzt hatte, ihn unter keinen Umständen schwangeren Frauen, gebrechlichen Männern oder Typen mit Totschlägern abzutreten, schwappten bereits die tsunamitösen Wellen reservierungsloser Reisender um mich herum. Der Platz neben mir war frei. Ich parkte meine Tasche darauf, zog die Augenbrauen diabolisch zusammen und vertrieb mit bösem Blick alle, die sich niederlassen wollten, bis endlich eine junge hübsche Dame fragte, ob hier noch frei sei und sie sich setzen dürfe. Natürlich durfte sie.

Ich fahre gerne mit dem Zug. Sehe mir die Leute an und die Landschaft im Schnelldurchlauf, zeige brav meine Fahrkarte vor, kaue Reiseproviant und leiste mir in schwachen Momenten sogar jenes dunkle teure Gebräu, das man in Bahnkreisen „Kaffee“ nennt, so wie die SPD einen Verlust von 10% Wählerstimmen einen grandiosen Sieg der Sozialdemokratie zu nennen pflegt. Was ich nicht leiden kann, sind Enge und Lärm. Deodorantresistente Mittfünfziger und quengelnde Gören, palavernde weibliche Kegeltrios und grobkörnige Männer, die meilenweit nach Flatrate-Puff stinken. Sprechen wir nicht von pferdeärschigen Staubsaugervertretern und ältlichen Damen, die glauben, sie hätten einen rechtlichen Anspruch auf beide Armlehnen.

Heute hatte ich es gut getroffen. Neben mir saß die hübsche Dame, guterhaltenes Spätzwanzigertum, schätzte ich, und las in einem Buch, während ich sie wohlgefällig aus dem rechten Augenwinkel musterte. Mir gegenüber ein Pärchen vom Typus rüstige Rentner, das schweigend an Salzstangen vor sich hin mümmelte. Auch sonst war alles, als wir den Bahnhof und schließlich die Stadt verließen, sehr ruhig und gesittet, das Kaffeewägelchen rollte, von einem jungen Burschen in schlechtsitzender Uniform hinter sich her gezogen, über den schmalen Gang, jemand hüstelte, jemand schnäuzte sich, jemand fragte seinen Nebenmann nach dem Weg zur Toilette, in Fahrtrichtung oder gegen Fahrtrichtung. Sogar pünktlich waren wir abgefahren – dies mochte der Grund sein, warum alle Passagiere so sprachlos waren.

Die monotonen Geräusche, das Gleichmaß, in dem die Landschaft wie eine Filmkulisse an uns vorbeigezogen wurde, all das ließ mich müde werden. Meine Gedanken, eh nicht als spitze Pfeile bekannt, wurden unscharf, sie drehten sich natürlich um Sonja Weber und ihren Bruder, die Katastrophe auf der Hähnchenmastfarm, den schmierigen Privatschnüffler (immerhin ein Berufskollege, wenn ich alle Fünfe gerade sein ließ), Oxana und Hermine – dann dämmerte ich vor mich hin, endlich hinweg, träumte ein wenig, keine Ahnung was, wir überfuhren die Grenze nach Frankreich, der Zug hielt an Bahnhöfen, Leute stiegen aus und Leute stiegen ein – irgendwer berührte mich, schüttelte mich sacht. Es war die Frau neben mir. Ich öffnete die Augen, sah ihr Lächeln, hörte ihre Stimme. „Entschuldigung, wenn ich Sie wecke, aber der Schaffner ist gleich da.“

Ich bedankte mich artig und warf einen schnellen Blick auf den Umschlag des Buches, das im Schoß meiner Nachbarin ruhte und mich sofort eifersüchtig machte. „Reiseführer St. Malo“. Sehr gut, dachte ich. Man wird sich so schnell nicht aus den Augen verlieren. Der Schaffner prüfte meine Fahrkarte mit der Akribie eines Mannes, der Reisende prinzipiell für potentielle Terroristen hält. Ich musste ihn enttäuschen und erhielt mein Billet anstandslos entwertet zurück. Die Frau widmete sich inzwischen wieder ihrem Reiseführer, ich verspürte ein dringendes Bedürfnis, zwängte mich zwischen Vordersitz und Frauenknien hindurch auf den Flur, stand nun ebenfalls vor der Frage, in oder gegen Fahrtrichtung, entschied mich – ganz Gegendenstromschwimmer – für letzteres und begann vorsichtig meinen Fußweg auf dem sanft schaukelnden Boden. Schön, so eine Reise. Frankreich! Riecht man es schon? Baguettes, Rotwein, Froschschenkel? Nein. Oder doch. Innerlich.

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