03.05.2011 -163-

„Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“. Der Fotograf schnaubte es, fein vom Aroma des vorzüglichen Weines ummantelt, hinaus. „In einer prächtigen Kutsche sollten Braut, Bräutigam und der noch embryonale Erbe des Hähnchenimperiums zur Kirche fahren, von kindlichen Brautjungfern in das aufgehübschte Gotteshaus geleitet, William und Kate sind ein bürgerlicher Scheißdreck dagegen, später opulente Fressorgie in einem Riesenzelt nahe der Hähnchenmastfarm. Für die Großmuschelbacher Statisterie, den Jubelpöbel, war die Ausgabe von gratis Hähnchenbockwürsten und billigem Bier vorgesehen, das war alles so großkotzig feudal, so lächerlich – und fand nicht statt.“

Was uns gespannt Lauschenden geschwant hatte. „Oh weh!“ machte Oxana, „tzja“, lispelte ich, „denn“, setzte Krause an, „das Schicksal mag keine Soaps. Sie werden sich vorstellen können, wie es Georg erging. Er war ein gebrochener Mann, ein Schatten früherer Tage, er alterte vor der Zeit, mied Großmuschelbach, lebte wie in Trance. Dann, kurz vor der geplanten Hochzeit, stand ein Mann vor seiner Tür.

Was ich Ihnen nun berichte, habe ich natürlich erst im Nachhinein erfahren. Von, Sie ahnen es wohl, Sonja Weber, die es auch erst erfahren hat, als alles schon zu spät war. Hätten wir, frühzeitig informiert, etwas entgegensetzen können? Ich fürchte: nein. Es war so vorbestimmt, so verflucht vorbestimmt, da muss man nicht an Gott glauben, es ist einfach so. Die Happyends sind Roman- und Fernsehwerk, weiter nichts.“

Widerspruch? Oxana mochte dazu ansetzen, sie blickte auf, legte auf der Stirn eine dünne Falte in die Waagrechte, doch die verschwand im nächsten Moment und der Blick senkte sich wieder, tauchte in die Maserung der Tischplatte (die Decke hatte sich verschoben) und projizierte in diese alle Bilder der bisherigen und der kommenden Katastrophe. Es arbeitete in Krause. Man sah seinen Zorn, seine Trauer, man hörte es, als er endlich weitersprach, leiser als bisher.

„Dieser Mann also an Georgs Tür. Heruntergekommen, unrasiert, mit verschlagenem Blick. Georg wollte ihn abfertigen, nein, ich brauche nichts, ich gebe nichts, doch der Bursche setzte den Fuß wie ein Vertreter nach vorne, sagte: ‚Ich bin ihr rettender Engel, glauben Sie das nur.’ und stellte sich als jener perfide Privatdetektiv vor, der den Observierungsbericht gefälscht, Georg zu einer Sexbestie gemacht hatte. Viel hätte nicht gefehlt und Georg wäre auf ihn losgegangen. Er ließ es und bat den Mann in seine Wohnung. Dort erzählte ihm der Kerl von finanziellen Schwierigkeiten, das Wasser stehe ihm bis zum Hals, nein, noch höher, er brauche dringend 2000 Euro, sofort, ohne Formalitäten. Und er habe etwas anzubieten als Gegenleistung, ein Tonband. Ganz Profi hatte der schleimige Typ die Verhandlungen mit dem alten Koch mitgeschnitten, alle Abmachungen, die ganze dreckige Intrige. Georg hörte sich das an und zahlte.“

Sollte der Fall eine glückliche Wendung nehmen? Nein, das wussten wir. Krause bestätigte das. „Georg schöpfte neue Hoffnung. Er würde Sylvia das Band zukommen lassen, sie würden sich treffen, er wäre dem noch ungeborenen Kind des anderen ein guter Vater, sie würden wegziehen, weit weg, ins Ausland am besten, sie wären glücklich und zufrieden, keine Vergangenheit mehr. Georg schickte das Band an Sylvia und wartete. Er verließ seine Wohnung nicht mehr, befand sich ständig in der Nähe des Telefons, wartete auf Sylvias Anruf, wartete, wartete. Erhielt einen Anruf. Aber nicht von Sylvia, sondern von seiner Schwester.“

Waren das Tränen in Krauses Augen? Unbezweifelbar. Auch Oxanas Augen glänzten nass. „Sonjas Stimme war… ich kann es nicht ausdrücken, sie war die blanke Verzweiflung. Sie teilte ihrem Bruder mit, man habe heute Morgen Sylvia in einem Futterhaus der Farm entdeckt, an einem Seil baumelnd, tot, Selbstmord. Muss ich weiter erzählen? Vielleicht. Aber ich kann es nicht.“

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