01.05.2011 -161-

„Die Hähnchenmastfarm am Eingang des Tales wird Ihnen nicht entgangen sein.“ Es war eine rhetorische Feststellung. Ebenso gut hätte man einen Venedigreisenden fragen können, ob er irgendwo Wasser gesehen habe oder einen Besucher des Bundestages, ob ihm Spurenelemente menschlicher Intelligenz begegnet seien.

Krause fuhr fort: „Die Farm gehörte über etliche Generationen der Familie Koch. Heute ist der Betrieb ja praktisch vollautomatisiert, aber früher war er das ökonomische Rückgrat von Großmuschelbach, unser Silicon Valley, eigentlich Chicken Valley. Die Familie Koch aber gehörte nie wirklich zu uns. Irgend wann einmal zugewandert, weil Baugrund hier billig war und kein Mensch sich um Arbeitsbedingungen scherte, lebte sie zwischen ihrem Federvieh, sah auf uns herab, so wie die aus der Stadt auf die Kochs herabsahen. Man hielt sich die Nasen zu, wenn sie mit ihrem Geld in den Geschäften auftauchten, iiih, die stinken nach Hühnerkacke und solche Sprüche hinter vorgehaltener Hand. Und fürwahr: Sie stanken bestialisch nach Hühnerkacke. War auch nicht leicht für die, nein, muss man ehrlich sagen. Das waren Ausgestoßene wie wir, nur anders eben, sie konnten Menschen mit ihrem Geld zuscheißen, geholfen hat es ihnen wenig.“

Wir waren hungrig geworden, alle drei, ein Magentrio knurrte wie bei einer Freejazz-Session. Doch in Großmuschelbach einen Pizzaservice zu erwarten, wäre so vermessen gewesen, wie ein vernünftiges Krisenmanagement bei AKW-Unfällen vorauszusetzen. „Moment“, sagte Oxana und verließ uns. Bis sie wiederkam, versorgte uns das nimmermüde Kopfkino mit Szenen deutscher Geflügelmast, nackten Puten, deren Hobby es war, sich vor lauter Stress wund zu kratzen, ehemals stolzen Hähnen, die es vom ländlichen Misthaufen auf den Gülle-Mount-Everest der Lebensmittelgroßindustrie verschlagen hatte. Oxana kehrte mit einem hübschen Weidenkörbchen zurück, wies uns an, den Tisch frei zu machen, legte eine saubere weiße Decke darauf und packte aus: belegte Brötchen, hartgekochte Eier, Obst, eine Flasche Rotwein, Gläser, zum Glück keine Chicken McNuggets. „Man kann zu jeder Jahreszeit picknicken“, erklärte sie, „und als Kennerin von Mangelwirtschaften gehe ich nie ohne Proviant auf große Fahrt. Das liegt einem so im Blut.“ Wir aßen und tranken, dann erzählte Krause weiter.

„So ging das über Generationen. Die Hähnchenmast gab uns Brot, der Ort stank wie die Pest und bestätigte den schlechten Ruf, dem wir ausgesetzt waren, sobald wir unser Dorf verließen. Der letzte Koch, Gunnar, war von allen der übelste, ein Großkotz, ein Leuteschinder, ein Lohndrücker, ständig schlecht gelaunt, was daran liegen mochte, dass er mit seiner blasierten Frau Margarethe nur eine Tochter zustande gebracht hatte und nicht den sonst üblichen natürlichen Erben mit Pillermann, der den Namen des Geschlechtes in die Zukunft tragen würde. Und wie das Schicksal es so will – und sagen Sie nichts gegen das Schicksal, es ist eine witzige Frau – war diese Tochter Sylvia das genaue Gegenteil ihres Vaters. Hübsch und offen, ohne Vorurteil und Dünkel, bald der feuchte Traum unserer hiesigen männlichen Jugend und nicht nur der. Natürlich ging sie in eine höhere städtische Schule wie sonst nur die Weberkinder. Und da ist es wohl passiert. Sylvia freundet sich mit Sonja an, man sitzt im morgendlichen Schulbus nebeneinander, man redet über alles, über das Mädchen in diesem Alter nun einmal reden, man vertraut sich Geheimnisse an, Sylvia lernt Georg kennen – und die beiden verlieben sich. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf, sie ist nicht mehr aufzuhalten.“

Oxana hatte auch kleine Schälchen mit Schokoladenpudding in ihrem Korb. Wir löffelten andächtig, wieder Kopfkino, etwas Melodramatisches im Romeo-und-Julia-Stil, tragischer Ausgang. Krause spendierte Verdauungsschnaps – „keine Angst, ist nicht von hier“ -, ich spendierte Verdauungszigaretten. Wir pafften und sinnierten und warteten auf die Fortsetzung der Geschichte.

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