30.04.2011 -160-

Große dunkle Kästen auf drei Beinen, „gleich kommt das Vögelchen!“ – und der Kopf des Fotografen taucht unter schwarzes Tuch wie der des Magiers in den Dunst seiner Zaubermixtur. „Bitte dreißig Minuten ganz stillsitzen und lääääächeln!“ Krauses Laden war ein Museum, ein Ausflug in verflossene Epochen, als ernste Männer mit imposanten Schnurrbärten für die Ewigkeit posierten, Frauen in eng geschnürten Korsetts und Kinder, die tatsächlich auf das Vögelchen warteten, das indes nie aus dem Objektivloch flog. Alles vergilbt, alles eine Momentaufnahme des Lebens, alles längst tot.

„Ich hab mich immer gefragt, was die denken“, sinnierte Krause und verzog entschuldigend das Gesicht, als beichte er uns ein Vergehen. „Ja, was denkt man, wenn man fotografiert wird? Haben Sie sich das schon einmal überlegt?“ Wir hatten es noch nicht und gaben es zu. Krause nickte. „Hm, ja, aber ich hab wahrscheinlich nur gedacht, die denken das, was ich denken würde dass sie denken. Is immer so.“

Das Beschreiben der altertümlichen Apparaturen und Verfahren hatte aus Krause einen anderen Menschen gemacht, in eine Vergangenheit gerissen, die weit über die Spanne seines eigenen Lebens hinausreichte. Wir hörten von wandernden Photographen, Herren in Sonntagsanzügen, ständig über die Dörfer ziehend, von Hochzeit zu Hochzeit, Beerdigung zu Beerdigung, „mein Großvater war auchBesitzer eines Wanderkinos, er fuhr an Sonntagen mit seinen Gerätschaften überland, führte Kurzfilme vor und anschließend fotografierte er die Menschen. Hier.“ Er wuchtete schwere Glasplatten aus den Schubladen, Negative, die aus Weiß Schwarz, aus Schwarz Weiß machten, nein, korrekter: Aus Hell Dunkel und aus Dunkel Hell, aus Gut Böse und umgekehrt, dachte ich und nickte wissend. Aus Gut Böse.

Später kochte Krause Kaffee, den er in zierlichem Porzellan servierte, auch das etwas, das weder Oxana noch ich gewohnt waren. „Das ist mein Leben“, sagte er und blickte zu Oxana, die ihn anlächelte, so warm, dass wir die klamme Kälte im Zimmer vergaßen, in dem kein Ofen bollerte, wo Eisblumen auf dem Fensterglas blühten und der Nacht Einhalt geboten, die zu uns eindringen wollte, na ja, sie versuchten es wenigstens an diesem Abend über weißer Landschaft, aber es schneite nicht mehr.

„Sie werden alle gehen, nur die Alten bleiben“, sagte Krause und der Zauber des Augenblicks wurde verscheucht wie eine lästige Fliege. „Ist das nicht der Lauf der Welt?“ Oxana fragte es leise, als würde jeder laute Ton etwas zerstören. Krause seufzte auf, seine Schultern hoben sich, senkten sich. „Sie haben recht. Nichts bleibt. Wenn sie aus Kasachstan kommen, wissen Sie Bescheid. Man geht, weil man keine Zukunft mehr hat, man weiß nicht, ob man jemals eine haben wird. Wir waren naiv, unser Dorf an der Zeit vorbei durch die Zeit mogeln zu wollen, das kann nicht funktionieren. Aber es tut trotzdem weh, verstehen Sie?“

Oxana begann über Kasachstan zu erzählen, über die Hoffnungslosigkeit und die Hoffnung. Krause verstand jedes Wort, er nickte es ab wie eine Rechnung, die man niemals wird begleichen können. „Man lügt sich in die eigene Tasche, ja. Das wusste der Doktor auch. Wir haben lange drüber geredet, die Webers waren auch dabei.“ „Die Webers?“ Ich wurde hellwach. „Also nicht nur Sonja, sondern auch ihr Bruder, der doch damals schon in der Stadt wohnte?“ „Ja“, antwortete Krause, „er wohnte damals schon in der Stadt, kam aber häufig nach Großmuschelbach. Das hatte wohl, ähm, private Gründe.“

Eine Frau also. „Eine Frau“, bestätigte Krause. „Sylvia Koch, aber das ist eine elend traurige Geschichte. Georg und sie waren ineinander verliebt, wir wussten es alle, es war nicht recht, das wussten wir auch. Denn Sylvia war ….“ „Erzählen Sie uns die Geschichte“, bat Oxana. Krause zögerte, ich schenkte ihm Kaffee nach, bot Zigaretten an, er nahm eine, lehnte sich zurück. „Wenn Sie möchten, gut. Aber es ist wirklich eine traurige Geschichte.“

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