29.04.2011 -159-

Wir ließen die Rede des Fotohändlers Theophil Krause über uns ergehen wie eine Runde des „Philosophischen Quartetts“ zu nachtschlafener Fernsehzeit. Zuviel verschärftes Nachdenken schadet der Gesundheit, das haben die Deutschen immer schon gewusst und es deshalb tunlichst vermieden. Dr. Habicht war ohne Zweifel ein Wohltäter seiner Gemeinde gewesen, einer, der die Erniedrigung der Menschen nicht scheute, um ihre bloße Existenz abzusichern und das zu beschaffen, was diese Existenz am Rollen hält: Geld. Merkwürdig, dass mir sofort wieder die Abschaffung desselben einfiel. Nein, gar nicht merkwürdig. Es war nun einmal so – und nicht nur in Großmuschelbach.

Krause schloss mit den Worten: „Der Doktor hat verfügt, dass wir seine Asche hier im Stollen verstreuen. Wir scheißen auf die Bestattungsverordnung und werden den Wunsch unseres Freundes erfüllen. In den nächsten Tagen, ganz ohne Brimborium, ohne weitere Zeugen. Ich danke euch.“ Wie auf ein stilles Kommando erhoben sich nun die Trauernden und strömten aus dem Raum, dem Tageslicht zu. Sie schauten an uns vorbei, ohne Hass, ohne Verachtung. Oxana hätte nackt sein können, es wäre nicht anders gewesen. Der Ladenbesitzer passierte uns als letzter, auch er zunächst ohne uns eines Blickes zu würdigen, doch dann blieb er stehen, sah mich an, schwieg jedoch. „Ich habe Sonja Weber nicht gesehen“, stellte ich fest. „Na seltsam“, antwortete er, „ich auch nicht.“ „Wir würden sie gerne sprechen.“

Er sah von mir zu Oxana, von Oxana zurück zu mir. „Sie wissen doch, wo sie wohnt. Gehen Sie hin und reden Sie mit ihr.“ „Sie ist verschwunden“, sagte ich. Es schien ihm überraschend neu, sein Gesichtsfett zuckte für einen Moment. „Verschwunden? Hier ist sie jedenfalls nicht. Vielleicht ist sie bei ihrem Bruder.“ Er schien es für einen gelungenen Witz zu halten und lachte flüchtig, schickte sich an weiterzugehen. „Bleiben Sie hier? Bitte. Ich schließe aber das Tor dann zu.“

Draußen sah es inzwischen aus wie an einem Winternachmittag unmittelbar vor der Dämmerung. Es schneite heftig, es wehte munterer Wind, die Großmuschelbacher kämpften sich im Gänsemarsch ihren Wohnungen zu, der alte Fotograf balancierte sein Gewicht erstaunlich grazil auf dem rutschigen felsigen Boden. Ich wollte ihn am Arm packen, herumreißen, ich war wütend und ungeduldig. Oxana hielt mich mit sanfter Kopfbewegung zurück. „Sagen Sie, mein Lieber“, sprach sie Krause an, „Herr Klein hier hat mir von Ihrem Geschäft erzählt, von der Tradition, die Sie dort bewahren. Zeigen Sie es mir? Ich stamme aus Kasachstan und mag alte Dinge, die nicht unnütz geworden sind.“ Krause sah sich erstaunt um, betrachtete Oxana, nickte schließlich.

Wir erreichten den Ortsrand, die ersten Häuser, Menschen verschwanden in ihnen, nicht in allen. „Hier“, sagte Krause und wies auf einzelne Gebäude, „hier hat mal die und die Familie gewohnt, aber sie sind weggezogen. Leben jetzt in der Stadt, leben von Hartz IV oder wie das gerade heißt, lassen sich Essensgutscheine für ihre Kinder geben, wenn das funktioniert, wenn sie die Anträge richtig und rechtzeitig ausfüllen, oder Musikunterricht oder Sportverein, man hört davon. Ist das aber ein Leben? Ein besseres Leben? Oder hier, hier, hier“ – Er wies immer hektischer auf Häuser und Wohnungen, von außen sahen sie aus, als gäbe es noch Leben in ihnen, die Gardinen vergilbt, die Fensterscheiben blind geworden. – „Alle weg, und viele werden ihnen folgen. Aber sie entkommen ihrem Schicksal nicht. Sklaverei, ja. Nur, ich frage Sie: Was ist besser? Ein Sklave der Verhältnisse oder ein Sklave der Gesellschaft? Gibt es einen Unterschied?“

Wir antworteten nicht. Wir trotzten dem Schnee, wir ertrugen, dass er uns wieder zu weißhäuptigen Greisinnen und Greisen machte, wir achteten auf die Glätte, wir spürten den Wind, der stärker wurde, wir standen endlich vor Krauses Ladentür, der Alte zog einen langen Schlüssel aus der Tasche seiner Jacke und schloss auf.

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