28.04.2011 -158-

An den Wänden gingen Fackeln und verbreiteten unruhiges Zwielicht. Der Geruch von Teer, das ewige Tropfen der Feuchtigkeit, ein Murmeln, das wie ein atemloses Gebet durch die Räume hallte. Ich kannte den Weg, ich kannte das Ziel. „Mich fröstelt“, flüsterte Oxana und meinte nicht die Temperatur, gewiss war sie weit unter Null. Wir irrten im Nebel unseres Atems, immer dem Murmeln zu.

Dort, wo noch vor kurzem die Haute Volée tafelte und zerlumpte Kindergestalten olivertwisteten, standen nun Holzbänke, auf denen in sich versunken Menschen saßen, vielleicht hundert, vielleicht mehr oder weniger, die Einwohner von Großmuschelbach, der verbliebene Rest der Verfluchten. Sie bramarbasierten unverständliche Worte, mehr in sich hinaus als aus sich hinaus, die Köpfe lagen auf den Brüsten, die Hände gefaltet in den Schößen, nur manchmal hob sich der Blick und erfasste das schmale Podest inmitten des Raumes, eine goldene Stele, auf der ein Gefäß stand, eine schlichte helle Urne auf schwarzem Tuch. Wir drängten uns an die Wand, unbemerkt von der Menge, ich suchte sie ab, erkannte die mächtige Gestalt des Fotoladeninhabers, von Sonja Weber keine Spur. Ob wir besser wieder gehen sollten? Ich suchte Oxanas Augen, sie sagten, zögernd: „Nein.“

Eine Viertelstunde mochte das so gehen, uns wurde kalt. Die Menschenwärme war unangenehm feucht und stickig, sie erhitzte unsere Köpfe, vereiste alles andere. Dann, wie auf ein geheimes Kommando, verstummte die Trauergesellschaft, für ein paar Minuten hörte man nur noch das Spiel von Zugluft in den Flammen der Fackeln, das Tröpfeln von den Wänden, so etwas wie ein Seufzen aus Kindermund, selten ein Hüsteln, das Hochziehen von Nasenrotz, einen bewegten Fuß auf dem Fels. Der Fotohändler erhob sich endlich, trat neben die Stele, seine Linke berührte die Urne, als wolle er sie streicheln, doch mitten in der Bewegung hielt er inne, zog die Hand zurück, als habe sie sich verbrannt. Er räusperte sich und sah sich um, bemerkte uns im Hintergrund, seine Augenbrauen wurden hochgezogen, doch dann nickte er nur in unsere Richtung und suchte sich einen fixen Punkt an der Decke und begann zu ihm zu sprechen.

„Liebe Freundinnen und Freunde. War der Doktor ein guter Mensch? Keiner unter uns würde ohne zu zögern etwas anderes sagen als ja, der Doktor war ein guter Mensch. Aber was ist das überhaupt, ein guter Mensch? Einer, dessen Lebensinhalt das Helfen ist, der sich kümmert, der versteht, dem die Not seiner Nachbarn nicht gleichgültig ist? Oder einer, der die Gesetze achtet, immer und unter allen Umständen, auch wenn diese Gesetze nicht gut sind, nicht gut und nicht menschlich? Wäre es letzteres, was den guten Menschen ausmacht, dann, nein, so leid es mir tut, wäre unser Doktor kein guter Mensch gewesen. Aber das kümmert uns nicht. Wir wissen alle, dass eine Gesellschaft, in der das Gute und das Gesetz eins sind, nicht existiert, nicht existieren kann.

Der Doktor und ich, wir wurden im selben Jahr geboren, der Krieg war gerade zu Ende und Großmuschelbach, unsere Heimat, wie durch eine höhere Fügung verschont geblieben von der äußeren Zerstörung. Ich wuchs heran und übernahm das Geschäft meiner Eltern, so wie diese das Geschäft von den ihren übernommen hatten und diese von den ihren und diese von den ihren. Der Doktor verließ uns als junger Mann, um in der Stadt zu studieren, Medizin zu studieren, und keiner von uns glaubte, ihn jemals wiederzusehen. Vielleicht käme er zu Besuch, in einem großen Wagen, ein wohlhabender, angesehener Mann mit einer schönen und anspruchsvollen Frau und gut geratenen Kindern, ein Mann für ein paar Stunden, bevor er wieder verschwunden wäre in seine Welt, die sich immer mehr von der unsrigen absonderte, mit der wir irgendwann nichts mehr zu tun hatten, die nichts mehr mit uns zu tun haben wollte. Aber es kam anders. Der Doktor kehrte, nun wirklich ein Doktor, zurück und blieb. Er gründete seine Praxis und behandelte uns, aber er tat viel mehr, keiner ist hier, der das nicht wüsste, keiner, dem nicht selbst geholfen worden wäre. Ein guter Mensch? Ja. Doch ein guter Mensch in einer schlechten Zeit.“

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