26.04.2011 -156-

Bis auf Borsig übernachtete die alkoholisierte Gesellschaft der Neujahrsnacht auf allem, was Hermines Wohnung an Gelegenheiten zur horizontalen Entspannung hergab. Alarmierenderweise fand ich mich auf der Couch wieder. Die Damen bevölkerten Hermines breite Bettstatt, die Hausherrin rücklings in der Mitte, die Arme mütterlich ausgebreitet, in jedem einen zersausten Frauenkopf. Nein, das hier war kein Pauschalurlaub auf der Insel Lesbos, die das bankrotte Griechenland an TUI hatte verkaufen müssen. Ich hoffte es wenigstens.

Borsig hatte uns gegen drei Uhr in der Frühe verlassen, „Anja ist jetzt auch mit ihrer Familienfete durch, wir prosten uns bei mir noch ein wenig zu.“ Frivoles Augenzwinkern, wir gönnten es dem kleinen Mann und wünschten frohen Korkenknall. Hermine wies mich an, den gegen zwei hinweggeschlummerten Jonas – er sah wie ein kleiner Engel aus, was beweist, dass man niemals schlafende Menschen beurteilen soll – ins Bett zu bringen, sie selbst und Oxana nahmen sich der ebenfalls schlafenden Laura an. Irmi war putzmunter, konsumierte ihr Lieblingsgetränk und gab Schnurren aus ihrer wilden Zeit zwischen APO und Lotterbett zum Besten, „Trau keinem unter dreißig Minuten, er bescheißt dich ums Vorspiel!“ Aber mal im Ernst, erzählte sie weiter, „hier ganz in der Nähe gibt es die anarchistische Landkommune Antonio Gramsci, die experimentieren seit 1970 mit geldloser Wirtschaft. Ich hör mich da mal um.“ Sprachs, kippte und sackte weg.

Da ich als erster das Licht des frischen 2011er Sonnenscheins erblickte, machte ich Frühstück. Deckte liebevoll den Tisch, nachdem ich ihn von den Überresten unserer Party gesäubert hatte, mobbte schnell aus, verstaute das schmutzige Geschirr in der Spülmaschine, wartete auf das Erwachen der Dam- und Jungschaft, überlegte mir derweil, wie ich heute nach Großmuschelbach kommen sollte, es war schon kurz nach zehn und zu erwarten, dass noch weniger Nahverkehr das verwunschene Dorf ansteuern würde als an normalen Wochentagen.

„Supi“, brachte Oxana angesichts des gedeckten Tisches heraus. Oxana, die in unglaublicher Unterwäsche die Küche betrat. So müssen neue Jahre beginnen, freute sich meine Triebabteilung und wurde von den intellektuellen Überresten meiner zivilisatorischen Kontrollinstanzen nur halbherzig in ihre Schranken verwiesen. Wenn der Begriff „Reizwäsche“ jemals zutraf, dann jetzt, in diesem Moment. Oxana bemerkte meine Blicke und grinste nur.

Sie nippte am Kaffee und verschwand im Bad, bald hörte ich das Jauchzen des – gewiss männlichen – Duschwassers, das den nackten Körper der Kasachin in Sturzbächen erkunden durfte. Ich kaute an Knäckebrot, etwas anderes hatte die Vorratskammer meiner Geliebten nicht hergegeben. Ich hasste Knäckebrot, ich hasste Duschwasser, ich liebte Oxanas zerknittertes Kleid, in dem sie nun wieder in der Küche auftauchte, sich an den Tisch setzte, sich dick Butter und Marmelade aufs Brot schmierte.

„Du willst heut nach Großmuschelbach? Weißt schon, wie du da hin kommst?“ Ich schilderte ihr meine Befürchtungen. „Kein Problem“, wir können zusammen fahren. Ich muss nur noch schnell heim zu meinem Literaturgott – er wird noch pennen, aber sei’s drum – und mich umziehen, dann können wir los.“

Hermine und Irmi erschienen gemeinsam, vollständig bekleidet, was ich im Falle der altgedienten 68erin freudig begrüßte. Beide neigten sich zu Oxana und küssten sie hingebungsvoll auf den Mund, was ich weniger freudig begrüßte. Ich kenne die fatalen Auswirkungen des Alkohols auf die sexuelle Ausrichtung des menschlichen Wesens, da werden Heten zu Lesben, Lesben zu Bisexuellen, Bisexuellen zu Asexuellen. Das hatte seinen Reiz, gewiss. Forderte jedoch auch meine spießbürgerliche Männlichkeit heraus. „War schön“, hauchte Hermine in Oxanas Ohr und ich tat so, als hörte ich es nicht.

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