25.04.2011 -155-

Es wurde eine nette Feier. Sie folgte den Bahnen des Gutbürgerlichen, richtete sich nach der bewährten Formel „fortschreitender Alkoholkonsum = kontinuierliches Gemütlichkeitswachstum“, ging mit neckischen sexuellen Exzessen einher – ich fasste an Hermines linke Brust, angeblich um „den Stoff zu glätten“, Borsig stierte auf die Oxanastelle, an der die Oxanabeine in den Oxanaoberkörper mündeten, selbst Jonas betrachtete Laura mit der Begierde einer außer Kontrolle geratenen Pubertätsmaschine. Die Damen selbst blieben – nach außen hin – passiv. Sie zierten sich und genossen, kicherten maßlos und redeten über Gott und die Welt.

Letztere vor allem. Während männliches Sich-gehen-lassen unweigerlich in Richtung zügelloser Triebhaftigkeit abdriftet, bahnt sich das weibliche einen Weg unbeirrbar zum Reden über Abwesende, zumeist Frauen (Freundinnen am Rande der Frigidität, modisch bis zur Geschmacklosigkeit desorientierte Nachbarinnen, die unmöglichen Outfits der Lady Gaga) oder endet in gegenseitiger Beschimpfung, was aber heute Abend gottlob ausblieb. Gegen halb zwölf offenbarten sich Kartoffelsalat und Würstchen als restlos vertilgt, versprach Hermine für die Zeit nach Mitternacht Kassler mit Kraut, erfuhren wir endlich, Jonas habe bei der „Battle“ sagenhafte 37 Euro gewonnen (und danach am Geldspielautomaten umgehend wieder verloren), das Ganze untermalt vom überproportional wachsenden Lärm gezündeter Feuerwerkskörper, die am sternenklaren Himmel der eisigen Nacht farbige Wunden rissen und die Luft so lange mit Dampf schwängerten, bis er als Pulvergeruch durch die undichten Fenster zu uns hineinzog.

Gegen zwanzig vor zwölf klingelte Oxanas Handy, Marxer. Wir hatten auch ihn zu unserer Silvesterparty eingeladen, allerdings gottlob ohne Erfolg, der Meister wollte das alte Jahr in der Abgeschiedenheit seines Elfenbeinturms Revue passieren lassen und war nun endlich dort angelangt, wo ihn Oxana schon seit halb elf vermutete: beim weinerlichen Selbstmitleid.

Die kluge Kasachin tröstete ihren Dienstherrn in mitfühlender Kleinkindsprache – „Du, du, mein großes Baby muss immer fest an sich glauben und darf nicht heulheul machen“ -, erwähnte auch, ein Schamane aus der großen zentralasiatischen Steppe habe ihr via Skype geweissagt, Marxer komme dieses Jahr in die engere Wahl bei der Nobelpreisvergabe, „wenn schon eine schlamperte Wiener Theatertussie das Ding bekommen hat, kriegst du das die nächsten zehn Jahre im Abonnement“, wünschte ein frohes Neues und beendete das Gespräch mit einem hingehauchten „Tschüss, mein starker Pegasus“ und einer komischen Grimasse, die uns Anwesende zum Lachen brachte.

So vergaßen wir für einige Stunden das Ernste unseres Daseins, die Gefahr, in der wir alle schwebten, die Allgegenwart des Verbrechens, die Kurzsichtigkeit unserer Politiker, die unsere eigene war, den ärztlichen erhobenen Zeigefinger bei Alkoholmissbrauch, Zeitarbeit und Bad Banks, die Neujahrsansprache des Bundespräsidenten und das Tattoo seiner Frau, steigende Benzin- und Rohstoffpreise, die zehn Millionen Menschen, die durch Spekulationen auf dem Getreidemarkt neu in die Armut getrieben wurden, den von Kindern unfair gepflückten und von Großkonzernen fair gehandelten Kaffee, den wir morgen früh gegen den Kater trinken, das dioxinbelastete Ei, das wir dazu essen würden, die Dummheit der Menschen allgemein und unsere eigene im Besonderen, den Druckfehler auf Seite Sowieso in Tolstois „Krieg und Frieden“, den ganzen Krimiquatsch, den ganzen Kulturquatsch, die ganze Charityindustrie, das ganze Universum und den abgerissenen Knopf an unserem besten Hemd. Wir öffneten Punkt Mitternacht die Tür zu Hermines bescheidenem Balkon, traten hinaus und in die Pracht der Detonationen hinein, ließen uns kalte Luft um die Nasen wehen und den Krach in die Ohren, prosteten uns mit Sekt, Sonderangebot zu und begrüßten das neue Jahr. Willkommen, neues Jahr, verpiss dich nur schnell wieder.

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